Bike Together – Ein Tandemabenteuer

Touren / Asien 2004

Indonesien

Februar bis Oktober 2004

22.2.2004; Jakarta

Wie ein Hammer erschlagen mich Hitze und Schwüle, als ich in Jakarta aus dem Flugzeug steige. In Deutschland lag noch ein wenig Schnee, und jetzt …

Der Flug war nicht gerade weltbewegend, aber ich bin heil angekommen, und das ist das Wichtigste. Leider hat „Fridolin“, mein Fahrrad, die Strapazen nicht ganz so gut überstanden. Er war in Jakarta zuerst nicht aufzufinden, und nach einiger Suche tauchte er in einem ziemlich demolierten Karton aus irgendeinem Hinterzimmer auf. Zum Glück hat es „nur“ das große vordere Kettenblatt erwischt, der Rest ist heil geblieben. Gott sei Dank! Gleich am ersten Tag seinen besten Freund für die nächsten acht Monate zu verlieren, wäre kein Spaß gewesen!

Die ersten Tage verbrachte ich bei Freunden aus Deutschland, die für drei Jahre nach Jakarta versetzt worden sind. Ihr Fahrer wartete schon am Flughafen auf mich und brachte mich mit all meinen Trümmern in ihr Apartment.

Ich glaube, es tat mir gut, erst einmal „Trockenübungen“ zu machen, um mich an die total fremde Umgebung zu gewöhnen. Die Hitze und Schwüle sind hart, der Straßenverkehr ist ein eigenes Kapitel (darauf gehe ich später noch ein), und die neue Kultur muss ich erst einmal verdauen.

So ging es gestern mit dem Taxi nach „Old Jakarta“ *g* (der Fahrer war krank oder sein Haus noch überschwemmt – es hatte die letzten Tage durchgeregnet –, so genau wusste man es nicht). Mein Englisch ist zwar nicht gut, aber das kann ich noch übersetzen – und alt war dort nichts, höchstens ein paar Autoersatzteile oder das Fett in manchen Garküchen. Es war wohl mal ein schöner Stadtteil, aber von den Kolonialbauten, die der Reiseführer beschreibt, war fast nichts mehr zu erkennen. Die Stadt ist wirklich schwer zu beschreiben, sie ist: dreckig, sauber, modern, alt, leise – ähhhh, nein, nur „laut“ – und voller Verkehr. Sie lebt von ihren Autos und Motorrädern, Fußwege oder Ähnliches gibt es fast nicht, auch keine Einkaufsstraßen. Zur Straße hin liegen Schrotthändler, Werkstätten und andere sehr einfache Betriebe. Eingekauft wird nur in den riesigen Shoppingmalls. Auch dorthin geht man nicht zu Fuß, man lässt sich von seinem Fahrer vor die Tür fahren und wieder abholen. Es geht zu wie auf einem Busbahnhof oder eher wie vor einem Nobelhotel: Man wird vorgefahren, jemand hält einem die Tür auf, und man geht direkt zum Shoppen.

Gestern Abend habe ich in unserer Wohnanlage Mr. Koin getroffen. Er liebt Radfahren und war sofort bereit, mir zu helfen. Heute Morgen hat er mich zu einem Fahrradgeschäft gefahren, wo ich auch mein Kettenblatt bekommen habe – leider nicht einzeln, ich musste gleich die ganze Kurbelgarnitur dazukaufen! Jetzt habe ich wirklich genügend Ersatzteile dabei! *g*

Morgen lasse ich mich vom Fahrer aus der Stadt bringen und beginne meine Tour.

Viele liebe Grüße, Bernward

PS: Um insgesamt aber keinen falschen Eindruck zu vermitteln, mir gefällt es hier sehr gut!

2.3.2004; Krui

Hallo Ihr Lieben in der Heimat!

Zuerst das Wichtigste: Mir geht es gut. Ich habe zwar eine gebrochene Nase, aber dazu später mehr. Morgens hat mich der Fahrer vom Hotel abgeholt und erst einmal aus Jakarta hinausgebracht. In einem Vorort sattelte ich schließlich mein Gespann, und los ging es:

Die Landschaft war nicht so berauschend, aber dafür hätte ich ohnehin keine Augen gehabt. Es gab neben und auf der Straße so viel zu sehen, dass mir das völlig genügte. Etliche Verkaufsstände mit Obst, Ersatzteilen und allem, was man zum Motorradfrisieren braucht, säumten die Straße. Und jeder, der mich sah, begrüßte mich freundlich mit „Hello Mister“. Dass ich darauf jedes Mal reagieren musste, ist ja wohl klar. Ständig winken, hupen oder andere Gesten! Puhhh!

Ich kam trotzdem sehr gut voran. Gegen Mittag erreichte ich den Hafen, und ehe ich mich versah, saß ich auf einer Fähre nach Sumatra. Leider auf einer, die nicht zur nächsten größeren Stadt fuhr, sondern nur zu einem kleineren Küstenort. So musste ich noch 40 schnelle Kilometer bergauf und bergab gegen die Dunkelheit bis zum nächsten Hotel strampeln. (1. Tag: 110 km)

Am nächsten Morgen genoss ich die Frische bei „nur“ 28 Grad – die Sonne vom Vortag glühte noch in mir. Die Landschaft war recht nett, und die Straße führte am Meer entlang. Ich hatte mir vorgenommen, die ersten Tage nur in Hotels zu schlafen, um Land und Leute erst einmal besser kennenzulernen, bevor ich es wage, wild zu zelten. Am Nachmittag zeichnete sich schon ab, dass ich hier weit und breit kein Hotel finden würde. Also fragte ich an einer „Tankstelle“ (an der Straße stehen ein paar Gefäße mit Benzin, das mit einem Trichter in den Tank gegossen wird; außerdem gibt es dort immer Wasser und Süßigkeiten), ob ich hier irgendwo zelten dürfe. Und wie der Zufall es will, kam einer dazu, der mir in recht gutem Englisch antwortete: „You can stay in my home!“ Wow, das ging ja einfach – aber es wird noch besser!

Es stellte sich heraus, dass er Florian Scherz kennt – er hatte ihn in einem Hotel in Medan getroffen! Unglaublich, und ich dachte immer, nur Erlangen sei ein Dorf! Wir unterhielten uns den ganzen Abend und hörten dazu deutsche Musik. Am nächsten Morgen wollte ich vor Sonnenaufgang aufbrechen, frühstückte noch und wollte schnell meine Sachen packen, da stand er mit einer Decke in der Hand vor mir. Die wolle er mir als Erinnerung schenken. Echt superlieb, aber was soll ich mit einer Tischdecke? Aus reiner Höflichkeit musste ich sie annehmen. Daraufhin schaute er mich an und fragte: „Und was hast du für mich?“ Da musste ich erst mal überlegen – ich habe ja keinen Souvenirladen aus Deutschland mitgebracht! Doch bevor ich zu Ende überlegt hatte, fragte Paul: „Wie wäre es denn mit deinen Wanderschuhen? Die würden mir gut gefallen.“ Schön für dich, mir gefallen sie auch sehr gut – mit dem kleinen Unterschied, dass sie mir passen! Nee, die gebe ich nicht her. Das wäre eine ziemlich teure Übernachtung geworden. Es ist schwierig, etwas abzugeben, wenn man so gepackt hat, dass man nur das Nötigste dabeihat. Schließlich habe ich ihm zwei CDs geschenkt. (Die Decke habe ich ein paar Tage später gegen einen koreanischen Glücksbringer eingetauscht. Der ist zwar nicht so schön, aber dafür leicht, und Glück kann ich besser gebrauchen als eine Decke.)

Schon am Abend hatte Paul mich gewarnt, die geplante Strecke über die Berge zu fahren. Ich solle doch lieber 50 km zurückfahren und eine andere Straße nehmen. Ich versprach es ihm natürlich, aber ich hatte mich viel zu sehr auf diese Etappe gefreut. Also verteilte ich meine Wertsachen so, dass ich immer noch an Geld komme, egal welches Gepäckstück mir geklaut wird.

Die Straße schlängelte sich langsam das Tal hinauf und wurde mit zunehmender Höhe immer schlechter und steiler. Ich entwickelte neue Steigungskategorien:

1. Flach: Ich habe den ersten Gang gefunden! Längeres Fahren ist gerade noch möglich, der Untergrund ist gut.

See auf Sumatra
See auf Sumatra

2. Steil: Wie schalte ich beim Fahrrad noch mal auf Allradantrieb? Und hatte ich nicht noch einen kleineren Gang? Zwischendurch sind Pausen nötig.

3. Besch… steil: Oh mein Gott! Wer hat denn diese Straße gebaut? Wenn ich den Verantwortlichen erwische …! Vorher ist dringend eine Pause nötig – allein, um sich vom Schock des Anblicks zu erholen! Die Rampe ist nur mit Schwung fahrbar, und der Untergrund ist so schlecht, dass MTB-Kenntnisse nicht schaden. Eine Pause danach ist ebenfalls unumgänglich!

Obwohl es sehr viele Steigungen der dritten Kategorie gab, bergauf wie bergab, war es wunderbar, hier zu fahren. Immer wieder boten sich atemberaubende Ausblicke auf Reisfelder, Bäche und Urwald. Von Gefahr spürte ich nichts.

Unten im nächsten Dorf aß ich erst mal zu Mittag. Wie ein Lauffeuer sprach sich herum, dass ein Tourist – und dann noch einer mit Fahrrad – hier speiste. Sofort war ich von bis zu 50 Menschen umringt. So viel Publikum hatte ich beim Essen noch nie! Unglaublich! Leider ist mein Indonesisch noch ziemlich schlecht, sodass wir uns nicht gut verständigen konnten.

Am Abend landete ich in Kotaagung, einem hässlichen Städtchen. Dort machte mir mein Körper auch klar, dass er genug von der Sonne hatte und nicht mehr weiterwollte. Außerdem traf ich einen Ranger des nahe gelegenen Naturparks, der mich davor warnte, mich länger in der Stadt und der Gegend aufzuhalten. Ich solle lieber ein Taxi nehmen und aus der Gegend verschwinden! Am nächsten Morgen fand ich eins, das mich ins 170 km entfernte Krui brachte. Hier fand ich genau den richtigen Ort zum Erholen: Ein Amerikaner hat hier ein kleines, einsames Hotel am Strand eröffnet. Zwei Tage lag ich auf der Terrasse im Schatten, schaute den Wellen zu und erholte mich von der Sonne. Am zweiten Tag wollte ich meine Fähigkeiten im Wellenreiten unter Beweis stellen. Ergebnis: eine gebrochene Nase und geprellte Rippen. Ich hätte es vielleicht nicht bei drei bis vier Meter hohen Wellen lernen sollen! Egal, es hat Spaß gemacht.

Mehr folgt später.

6.3.2004; Krui - Bengkulu - Bukittinggi

Pünktlich um sechs Uhr verabschiedete ich mich im Hotel. Die ersten Kilometer liefen super. Ich hatte wieder Lust aufs Fahren, und es ging recht locker. Die Pause hat mir richtig gutgetan. In den frühen Stunden waren die Straßen noch ziemlich verschlafen, dadurch hatte ich meine Ruhe und wurde nicht ständig aus dem Rhythmus gebracht.

Die Küste war immer wieder beeindruckend: wunderschöne Strände und Klippen. Danach führte die Straße etwas ins Landesinnere und hinauf in die Berge, bis auf über 450 m schlängelte sie sich durch den tropischen Regenwald. Sogar ein paar große Affen huschten über die Straße, und der Wald war voller Geräusche. Ich traf einen indonesischen Touristen, der meinte, im Urwald sei es immer gefährlich. Daraufhin zeigte ich ihm mein CS-Gas, und sofort war er begeistert und wollte es unbedingt haben. „Nee du, nicht mit mir! Ich brauche das viel dringender als du – du hast ja noch das Auto, in das du flüchten kannst.“ Auf was für Ideen die Leute kommen, unglaublich!! Die Kilometer liefen heute locker, und in den letzten drei Stunden half mir ein Regenschauer: Er war schön erfrischend und sorgte dafür, dass ich nicht überhitzte. Das Hotel ist auch recht nett (schreibe ich nur, weil es mir gut geht!). Und das Essen hat mir heute zum ersten Mal in Indonesien richtig gut geschmeckt!!! Kaum saß ich, wurden mindestens zehn Schüsselchen mit verschiedenen Gerichten vor mir aufgebaut. Ich durfte nehmen, was ich wollte, dann wurde alles wieder abgeräumt. Mhhhhh! Das war gut! Was für ein Tag. Schön! Jetzt kann ich es morgen etwas ruhiger angehen lassen. Dachte ich.

Pünktlich um sechs Uhr verließ ich das Hotel – ich musste noch den Nachtwächter wecken, um bezahlen zu können, sonst hätte ich ihn in Ruhe schlafen lassen. Die Kilometer liefen wieder so locker, dass ich schon gegen 11 Uhr mein Tagesziel erreicht hatte. Jetzt sollte nur noch Bonus kommen, damit ich am nächsten Tag früher in Bengkulu ankomme. Man hatte mir gesagt, es gebe auf dem Weg zahlreiche Hotels. Erst mal aß ich im Ort, und die Leute staunten nicht schlecht, als ich vier ganze Portionen Nudeln in mich hineinschaufelte! Hihi! Es hat halt geschmeckt!

Gegen 14 Uhr fand ich einen ruhigen Platz in einem Palmenhain und machte ein kleines Nickerchen. Doch schon nach einer Viertelstunde störten zehn Leute die Ruhe, die mich entdeckt hatten. Sie standen nur da, schauten, redeten und machten keinerlei Anstalten zu gehen. „Hey, ich will hier schlafen!!!“ Nichts. „Dann geh halt ich!“ Kaum war ich weg, gingen sie auch – die Attraktion war ja nicht mehr da. Grrrrr!

Langsam fing mein Knie an zu schmerzen, und ich beschloss, das nächste Hotel zu nehmen. Doch dann verfuhr ich mich so gewaltig, dass ich irgendwann auf einem sehr schlammigen Feldweg landete! Shit! Warum ausgerechnet heute? Mir blieb nichts anderes übrig, als weiterzufahren, zurück wären es über 40 km gewesen. Nach 20 km Piste bergauf und bergab, gegen die Dunkelheit, erreichte ich endlich wieder die große Straße. Doch bis zum nächsten Hotel hatte ich keine Chance mehr, und mein Knie war inzwischen so schlecht, dass an Weiterfahren kaum noch zu denken war. Was braucht man in so einer Situation?

Richtig: Glück. Und das hatte ich. Ich fand einen Pick-up-Fahrer, der bereit war, mich in die nächste Stadt mitzunehmen. Super! Zehn Sekunden später lagen Fridolin und ich auf der Ladefläche. Doch alles hat einen Haken, und der lautete: „Oh mein Gott! Warum habe ich ausgerechnet den schnellsten Fahrer der Gegend erwischt?!“ Mir gingen auf einmal einige Gedanken durch den Kopf: Ich könnte ans Führerhaus klopfen – nein, lieber festhalten, außerdem könnte der Fahrer das als Ansporn sehen, noch schneller zu fahren (geht gar nicht, aber trotzdem). Ich will eine Katze sein, dann hätte ich noch sechs weitere Leben. Wie heißt noch mal das Rennen, bei dem sich der Beifahrer in die Kurve legt? Ihr seht, es war ernst. Er bot mir dann noch an, bis in die nächste große Stadt mitzufahren, und das wollte ich nicht ausschlagen. Noch hatte ich genug Kraft, um mich an der Ladefläche festzuklammern.

Wir erreichten Bengkulu sicher – äh, ich meine: heil! Hier habe ich erst einmal bis acht Uhr ausgeschlafen. Das tat gut! Sonst stehe ich immer um 5:30 Uhr auf. Der Hotelier wies mich darauf hin, dass heute eine Parade durch die Stadt ziehe und alle schon ganz aufgeregt seien. Die dürfe ich mir auf keinen Fall entgehen lassen! Er fragte sogar, ob ich nur wegen der Parade in die Stadt gekommen sei. Süß!

Die habe ich mir natürlich angeschaut! *g* Viel Lärm um nichts, würde ich sagen: Ungefähr zehn Wagen mit Türmen darauf wurden im Sauseschritt durch die Straße gezogen, und das war’s! Komisch. Es soll einen religiösen Hintergrund haben, aber eine Lehrerin aus Jakarta, die ich später traf, wusste auch nicht so recht, was das alles bedeutete. Jede Provinz ist hier sehr traditionsbewusst, das sind uralte Sitten und Bräuche. Den Rest des Tages schlenderte ich ein wenig durch die Stadt und genoss das Leben. Eine besondere Spezialität war Zuckerrohrsaft: An mobilen Ständen werden die bambusartigen Stangen zerteilt, ausgepresst, mit Eis vermischt und für 10 Cent verkauft. Ich weiß, bloß kein Eis und so weiter, aber das Zeug schmeckt so lecker!!!! Ich brauchte gleich zwei davon! *g* Danach habe ich die Badewanne in meinem Zimmer ausgenutzt und ein kaltes Bad genossen, und anschließend musste Fridolin dran glauben. Bei meiner Verfahrerei gestern war mein ganzes Zeug sehr dreckig geworden, und ich musste es unbedingt putzen, damit sie mich am nächsten Tag überhaupt in den Bus lassen. Meinem Knie ging es immer noch nicht gut, also beschloss ich, den Bus nach Norden nach Bukittinggi zu nehmen. Ich hoffe, das Knie wird in den nächsten Tagen besser. Ihr seht aber: Mir geht es nicht schlecht, und ich lasse mich durch nichts unterkriegen!

Der Hotelier meinte, ich solle gegen sieben Uhr herunterkommen, dann würden wir zum Busbahnhof fahren und die Tickets kaufen. Pünktlich war ich da, da meinte er: „Nein, das ist zu früh, da hat der Schalter noch zu!“ Als ob er das gestern nicht schon gewusst hätte! Egal, um acht Uhr hatte ich mein Ticket, und gegen 12 Uhr sollte der Bus fahren. Ich war lieber eine Stunde vorher da, damit nichts schiefgeht. Alles mögliche Zeug wurde aufs Dach verfrachtet, und dann ging es los – aber erst einmal kreuz und quer durch die Stadt, um weitere Fahrgäste einzusammeln. Und jetzt zum Bus! Rechts vom Gang waren Dreiersitze, links Zweiersitze, und damit wirklich jeder Platz genutzt wurde, stellte man noch Kisten in den Gang, auf denen auch noch jemand Platz nehmen konnte. So saßen sechs Leute in einer Reihe! Sehr gemütlich, wenn man bedenkt, dass wir nicht auf einer kurzen Fahrt waren, sondern über 20 Stunden vor uns hatten! Das ist länger als mein Flug von Deutschland nach Jakarta! Nur diesmal nicht mit schönen Filmen, sondern mit superlautem Musikgedudel, alle 20 Sekunden unterbrochen von der Hupe des Busfahrers.

Ab und zu hielt der Bus, und dann drängten sich Leute hindurch, um noch das eine oder andere zu verkaufen. Auf den ersten Kilometern war auch ein lustiger Gitarrenspieler an Bord, der auf seinem verstimmten Instrument Lieder zum Besten gab und danach Geld sammelte. Das funktionierte allerdings nur, solange der Bus noch nicht richtig voll war. Am Ende saßen bis zu 100 Menschen darin!

Zweimal hielten wir an sogenannten Rastplätzen, wo man richtig gut indonesisch essen konnte. Wieder die Geschichte mit den tausend Tellerchen und verschiedenen Gerichten – nur dass diesmal ausschließlich mit den Händen gegessen wurde. Hihi, war das ein Spaß, im Reis herumzuwühlen und alles in den Mund zu stopfen!

Ich weiß nicht wie, aber die Zeit verging, und ich erreichte – nicht gerade erholt – Bukittinggi. Hier habe ich mich in einem recht netten Hotel einquartiert. Als Tourist falle ich hier auch nicht mehr so auf, denn es gibt ein paar mehr von meiner Sorte als im Süden Sumatras. Den Tag über bin ich durch die schöne Stadt gebummelt.

Reisfelder und Felswände auf Sumatra
Reisfelder und Felswände auf Sumatra

An meinem Geburtstag gönnte ich mir ein Motorrad und machte damit die Gegend unsicher – es muss ja nicht immer das Fahrrad sein. Ich fuhr zu einem nahe gelegenen Vulkankratersee: Über 45 Kehren führen hinunter zum Maninjau-See. Eine wahre Freude für jeden Motorradfahrer! *g* Am Abend bekam ich noch ein paar Anrufe aus Deutschland und trank in der Kneipe nebenan ein paar Bierchen mit einem Engländer. Ach doch, es war ein sehr schöner Tag.

Heute habe ich mir das Motorrad noch einmal ausgeliehen und bin nach Harau gefahren. Dort kann man eine einzigartige Schlucht und zahlreiche Wasserfälle bewundern. Morgen nehme ich mal wieder mein eigenes Rad und überquere den Äquator.

Auf der Straße:

Als ich in Jakarta den Verkehr aus dem Auto heraus sah, dachte ich nur: „Oh mein Gott!“ Es wurde gefahren wie eine gesengte Sau! Es gab keine Regeln, und die Straße wurde in ihrer ganzen Breite so ausgenutzt, dass nichts mehr zwischen die Autos gepasst hätte. So wurde aus einer zweispurigen Straße schnell eine fünfspurige. Je mehr ich mich aber mit dem Verkehr beschäftigte und später selbst daran teilnahm, desto mehr erkannte ich die Regeln, die auf der Straße herrschen.

Verkehrsschilder und Ampeln sind nur Richtwerte, die erst dann absolute Bedeutung erlangen, wenn daneben ein mit Trillerpfeife bewaffneter Polizist steht. So kam es auch, dass ich gleich an der ersten Ampel voll bei Rot durchfuhr! (Vielleicht war es nicht die erste, aber bei der ist es mir aufgefallen!) Wenn man seit Tagen keine Ampel mehr gesehen hat, achtet man nicht mehr auf solche Kleinigkeiten – im Stadtverkehr gibt es viel Wichtigeres zu beobachten. Der Gegenverkehr ist sehr wichtig, denn es wird immer und überall überholt. Häufig drängen mich entgegenkommende Autos in den Graben, aber den Autos geht es nicht anders. Trotzdem wird sehr defensiv und rücksichtsvoll gefahren. Das klingt etwas widersprüchlich, aber beim Fahren gibt es keine Aggression. Ich hatte bis jetzt noch keine annähernd gefährliche Situation auf der Straße. Trotzdem müssen die Augen immer wachsam sein: Ständig überholen mich die kleinen Sammeltaxis, und ich muss aufpassen, dass ich nicht hineinfahre, wenn sie unerwartet vor mir halten, damit Fahrgäste ein- oder aussteigen.

Daneben gibt es noch andere Fahrzeuge für einzelne Personen, deren Art sich von Region zu Region ändert: Motorräder, Motorräder mit Beiwagen, Pferdekutschen, normale Taxis, Rikschas und Fahrräder mit Beiwagen. Vollständig ist diese Aufzählung sicher nicht – gut möglich, dass ich das eine oder andere Gefährt vergessen habe oder es in manchen Gegenden noch andere gibt. Aber ich habe sie alle ausprobiert! Sobald ich an meinem Zielort bin, mache ich keinen Finger mehr krumm und lasse mich fast überallhin fahren. Zwei Kilometer kosten etwa 1000 Rupiah (ca. 10 Cent).

Am anstrengendsten ist neben den unmöglichen Steigungen das ständige „Hello Mister“-Gerufe. Die Straße ist meist dicht besiedelt, und wenn mal keine Häuser stehen, kommt aus irgendeiner anderen Ecke ein „Hello Mister“. Oft kann ich die Leute, die mir zurufen, gar nicht ausmachen. Trotzdem muss ich immer irgendwie reagieren, sonst bekomme ich böse Zurufe – und unfreundlich wäre es auch. So habe ich ständig eine Hand in der Luft, die andere an der Hupe und singe dazu: „Hello, hello …!“ Wenn ich mich schon über die Hello-Rufe auslasse, kann ich gleich mit den dümmsten Fragen weitermachen. Ich beginne mit der viertdümmsten:

Nummer 4: „How are you?“ (Ich fahre bei 40 Grad einen besch… Berg hinauf, schwitze wie ein Wolf, weiß nicht, wie ich mit dem Trinken hinterherkommen soll, bekomme kaum noch Luft – und dann so eine Frage! Natürlich geht es mir gut! Es gibt nichts Schöneres, höchstens noch ein Platten oder 40 kg mehr Gepäck!)

Nummer 3: „Hello Mister! How are, what do you do?“ (Den genauen Wortlaut habe ich nicht mehr im Kopf, aber es ist schön, wie man alle englischen Wörter, die man kennt, in eine Frage packen kann! Ich habe geantwortet: „Nice day today!“)

Nummer 2: „Where do you go?“ (Auf Sumatra gibt es nur zwei Richtungen: Norden und Süden. Die nächste Kreuzung kommt erst in 100 Kilometern. Und wenn man bedenkt, dass ich gerade aus der einen Richtung komme, ist die Antwort nicht allzu schwer!)

Und die ungeschlagene Nummer 1: „What do you do?“ (Schach oder Dame spielen ist total falsch. „Mensch ärgere dich nicht“ geht schon in die richtige Richtung, denn ab und zu werde ich von der Straße in den Graben geschubst – ist aber auch falsch! Sagt mal, ist es wirklich so schwer? Wie wäre es mit: Fahrrad fahren!)

Manchmal ist es sehr stressig und lästig, wenn man keine ruhige Minute hat, um einfach mal seine Gedanken schweifen zu lassen. Aber meistens freut es mich, diese fröhlichen Menschen zu sehen. Oft wird schnell mal der Unterricht unterbrochen, wenn ich an einer Schule vorbeifahre, damit wirklich jeder an die Straße rennen und mir zuwinken oder mich anfeuern kann. Geschwister und Freunde werden herbeigerufen, um mich zu sehen. Nur vereinzelt gibt es welche, die einen „freundlich“ mit „Fuck you“ begrüßen oder nach Geld betteln. Aber die gibt es wohl überall auf der Welt, und hier sind sie die Ausnahme.

Die Gastfreundschaft ist etwas zwiespältig: Ich werde oft eingeladen, einen Tee oder Kaffee zu trinken, muss aber immer damit rechnen, gleich den bis zu fünffachen Touristenpreis zu bezahlen! Es wird immer versucht, so viel Geld wie möglich aus mir herauszuholen. Ich bin doch kein fahrender Dollarschein! Meistens nehme ich es gelassen, zahle einfach weniger, als sie wollten, und sie sind trotzdem sehr zufrieden.

Nach einigen Tagen am Stück auf der Straße ist es recht angenehm, in einem dieser Touristenorte zu landen, denn hier kann ich mich sehr gut erholen. Wenn ich meine Ruhe haben will, stört mich keiner, ich kann einfach mal nichts tun und muss auf fast nichts achten. Die Touristen bleiben zurzeit übrigens immer mehr weg – aus diversen Gründen wie Vogelgrippe, SARS, Krieg im Norden Sumatras und …

25.3.2004, Cameron Highlands

Nach langem Hin und Her habe ich beschlossen, mein „Roadbook“ zu veröffentlichen, sonst komme ich mit dem Schreiben nicht hinterher. Hier erfahrt ihr, was an jedem Tag passiert ist, und es gibt ein paar Daten zu jeder Etappe. Ab und zu will ich versuchen, gesonderte Berichte wie „Auf der Straße“ zu schreiben. Wenn ihr Anregungen oder Kritik habt, zögert nicht und schreibt mir.

Bernward

17. Tag Bukittinggi - Lubuksikaping (80 km)

Endlich sitze ich wieder auf dem Fahrrad – eine wahre Freude, mich wieder auf gewohnte Art fortbewegen zu können. Die Straße führte stetig bergab, sodass ich leicht Kilometer machte. Leider spürte ich nach 30 Kilometern mein Knie wieder. Von da an schnallte ich meine Sandalen fester und trat die meiste Zeit mit dem linken Bein, um das rechte zu entlasten. Mit dieser Methode erreichte ich nach rund 60 km mein erstes großes Ziel: den Äquator! Im Prinzip ist es kein besonderer Ort, einfach eine Linie quer über die Straße. Alle Gebäude und Schilder, die auf Bildern und von Einheimischen so angepriesen werden, waren total verfallen und hatten ihre besten Zeiten weit hinter sich. Sobald ich hielt, kamen schon die Verkäufer angelaufen, um mir ihre supertollen T-Shirts anzudrehen. Eins habe ich aus reinem Mitleid gekauft – was ich damit mache, weiß ich noch nicht, ich kann es ja verschenken. Zwei Euro sind auch nicht die Welt.

Dann traf ich noch jemanden, der das berühmte Experiment vorführen wollte. Er meinte zwar, er mache es nur für Gruppen, aber wir einigten uns auf 10.000 Rupiah (1 Euro), und ich durfte zuschauen. Und es funktioniert tatsächlich! Das Wasser fließt auf beiden Seiten in verschiedene Richtungen ab! Wow! Das hätte ich nicht gedacht, aber ich habe es selbst ausprobiert, und es hat auf Anhieb geklappt. 50 Meter Abstand genügten! (Hier muss ich nachträglich anfügen, dass es physikalisch unmöglich ist, bei nur 50 Metern Abstand einen Unterschied zu sehen – die Kräfte sind viel zu gering. Markus hat es schnell für mich durchgerechnet, und ich muss zugeben, ein bisschen zu leichtgläubig gewesen zu sein! *g*) Schon gegen Mittag erreichte ich meine Zielstadt. Da ich mein Knie leicht spürte, beschloss ich, dort zu bleiben und mich zu erholen. Ich ging noch ins Städtle auf den Markt und bummelte ein wenig. Den Rest des Tages relaxte ich und hörte „Drei Männer im Schnee“ von Erich Kästner. Schön! Danke für die CD, Aline.

Pause unter Palmen
Pause unter Palmen

18. Tag Lubuksikaping - Kota Nopan (105 km)

Es ist deprimierend, wenn ich so früh aufstehe und es dann regnet. „Na gut, fünf Minuten gönne ich mir noch im Bett, dann ist Schluss – ich bin doch kein Weichei! Ich kann auch im Regen radeln. Jawohl!“ Und es ging wieder mal bergab, die schönen Höhenmeter, die ich mir gestern erarbeitet hatte, waren dahin. Nach 30 Kilometern führte die Straße durch einen sagenhaften Urwald. Wunderschön! Ich kam auch an heißen Quellen vorbei, die den Wald zusätzlich in mystischen Nebel hüllten. Mein Knie machte heute relativ gut mit. Ich fuhr zwar immer noch mehr mit dem linken Bein, aber beim letzten langen Anstieg flog ich richtig den Berg hinauf! Woher ich die Kraft hatte, weiß ich nicht. Das stimmte mich froh, denn jetzt wusste ich, dass ich mit großer Wahrscheinlichkeit aus eigener Kraft bis zum Tobasee radeln kann.

Heute fuhr ich durch ein Gebiet, in dem wohl der Englischlehrer völlig versagt hat. Die Leute begrüßten mich nicht mehr mit „Hello Mister!“, sondern mit „Hello Miss!“. Oh Mann. Als mich dann noch einer fragte: „What do you do?“, war alles aus. „Wie sieht es denn aus? Lesen, wandern oder gar fernsehen?“ Das Städtchen hier ist nicht so der Hit: eine Straße mit ein paar Häusern und drumherum nicht viel. Ich konnte nicht mal shoppen, dabei hätte ich noch Flipflops gebraucht. In dem Tal, in dem ich schlief, war gerade Reisernte. Das bedeutet, dass das Stroh auf Haufen zusammengetragen und verbrannt wird. Es ist ohnehin schon ziemlich diesig und drückend, und so wird das ganze Tal in noch mehr Rauch gehüllt – von den Bergen erkennt man fast nichts. Hoffentlich ändert sich über Nacht das Wetter.

19. Tag Kota Nopan - Padangsidempuan (116 km)

Der Tag war bis auf meine Mittagspause nichts Besonderes – aber die hatte es in sich! Zufällig machte ich in der Nähe eines Wasserfalls Pause, und zwei nette Jungen überredeten mich, ihn anzuschauen. Normalerweise ist das, was ich dann zu Gesicht bekomme, nichts Besonderes, aber dieser war nicht von schlechten Eltern. „Wow!“ Das kalkhaltige Wasser hat hier kleine Terrassen gebildet, in denen ich mich perfekt erfrischen konnte. Nachdem wir genug geplanscht hatten, meinten die Jungs, jetzt wären junge Kokosnüsse recht gut, und schon wurde einer auf die Palme geschickt und warf drei frische Nüsse herunter. Geschickt schlugen sie die Nüsse auf, und wir tranken die Milch mit dem Strohhalm. Mhhh, Kokosmilch! So sollte die Mittagspause öfter sein. Der restliche Tag war nichts Besonderes.

20. Tag Padangsidempuan - Turung (114 km, 2175 Höhenmeter!)

Der Tag begann in einer Suppe – ich meine das Wetter. Das Einzige, was zum Radfahren einlud, war die Temperatur. Bei angenehmen 24 Grad startete ich, und bis ich den ersten Pass auf 1000 Metern erreicht hatte, war das Thermometer auf 20 Grad gefallen! Brrrrrr! Außerdem fing es auch noch an zu regnen. Im nächsten Tal war das Klima das genaue Gegenteil: bis zu 40 Grad und Sonnenschein! Oh Mann, da weiß man gar nicht, wie man genug trinken soll! An einer Raststation wollte ich Wasser kaufen, aber das war so teuer, dass ich mir nur eine kleine Flasche leisten konnte, die ich sofort auf ex trank! Der Herr an der Kasse war immerhin so nett, mir meine große Flasche mit normalem Wasser aufzufüllen. Da man zum Essen hier aber normalerweise warmes Wasser bekommt, bekam auch ich warmes Wasser in meine Flasche! Bäähh! Wenn das Wasser wärmer ist als der Körper, ist es fast nicht zu trinken! Nee, das geht nicht! Der Tag war wahnsinnig anstrengend, am Ende ging nichts mehr. Beim Hotel wollte ich trotzdem unbedingt noch handeln, aber keiner wollte das Spielchen so recht mitmachen! Ich verließ sie zwar jedes Mal recht provokativ, doch die Hoteliers gingen nicht mit dem Preis runter. Am Ende hatte ich richtig Angst, kein weiteres Hotel mehr zu finden und zu einem der bisherigen zurückkriechen zu müssen! So weit kam es aber nicht, einer wollte dann doch noch mit mir handeln. Und das alles wegen einem Euro! Aber Geld ist Geld: Dafür bekomme ich zwei Mahlzeiten, und davon brauche ich ziemlich viele am Tag! *g* Mann, bin ich platt! Ich hoffe, morgen wird es nicht zu anstrengend!

21. Tag Turung - Tuk Tuk (119 km)

Mit Regen begann der Tag, und mit Regen hörte er auf. Aber das war noch nicht alles: Der Tag begann auch gleich mit einem Platten! Halleluja! Der Mann im Hotel hatte gestern zwar gemeint, zum Lake Toba gehe es nur bergab und es sei locker zu fahren – so kann man sich irren! Nee, erst mal ging es ordentlich den Berg hinauf! Oben gab es dann noch eine Umleitung mit richtiger Geländewertung: Die Straße bestand nur noch aus Matsch und führte zu allem Überfluss auch noch leicht bergauf. Einige Leute standen drumherum, um die Durchfahrenden anzufeuern, sie mit dummen Ratschlägen zu versorgen oder, wenn gar nichts mehr ging, beim Anschieben zu helfen bzw. ein Fahrzeug mit Seilwinde zu besorgen. Das war ein Trubel!

Den Kraftakt von gestern spürte ich immer noch gewaltig in den Beinen, es lief einfach nicht rund. Die Landschaft war auch nicht so weltbewegend. Gegen Mittag erreichte ich Balige am Tobasee. Dort fand ich zwar ein Boot, das mich nach Samosir gebracht hätte, aber es sollte erst gegen 14:30 Uhr fahren, und dann hätte ich noch 40 km auf der Insel vor mir gehabt. Das war mir zu riskant. Also fuhr ich weiter. Bald begann es zu regnen, und da zeigte sich, warum es wirklich Regenzeit heißt. Jetzt hatte ich nicht nur mit dem Berg, meinen schwindenden Kräften und dem Regen zu kämpfen, nein, ich musste auch noch gegen die Strömung fahren! Die Straße hatte sich in einen mittleren Bach verwandelt. Mir wurde sogar etwas schwindelig, weil sich die Straße durch das herabfließende Wasser zu bewegen schien! Nach etwa drei Stunden Fahrt durch den Regen erreichte ich den Hafen von Parapat und nahm von dort das Boot nach Tuk Tuk. Im Dunkeln kam ich schließlich bei den Samosir Cottages an, wo ich herzlichst empfangen wurde. Florian hatte mir das Hotel empfohlen und mich schon angemeldet, deshalb wussten sie sofort, wer ich war. Auch an Steffi und Claudia konnten sie sich noch erinnern. Witzig: Da bin ich so weit weg von der Heimat und kenne trotzdem die gleichen Leute.

22. - 23. Tag Tuk Tuk

Relaxen, erholen, nichts tun, essen und den Rückwärtsköpfer üben – das waren heute meine Beschäftigungen. Ich denke, morgen mache ich nichts anderes. *g* Die Pause habe ich mir verdient. Die letzten zwei Tage waren heftig, und ich musste einsehen, dass mein Körper keine Maschine ist, die von früh bis spät ohne Pause läuft! Am zweiten Abend bin ich mit den Hotelangestellten nach der Arbeit in die Disco gegangen. Die Musik war zwar grottenschlecht, aber es hat Spaß gemacht, mal wieder zu tanzen. Dort habe ich mich auch länger mit Sandra unterhalten, die im Hotel arbeitet. Die Arbeitszeiten sind hier schon anders als in Deutschland! Sie muss sieben Tage die Woche arbeiten, hat aber „immerhin“ drei Stunden am Tag frei, und beim Urlaub ist sie auf die Launen des Chefs angewiesen. Dafür gibt es ein Gehalt von ganzen 300.000 Rupiah (30 Euro) im Monat, Verpflegung und ein Bett im Viererzimmer sind frei. Gut, sie überarbeitet sich wirklich nicht, aber was soll man bei diesem Lohn auch erwarten? Damit kommt man selbst auf Sumatra nicht weit (ein einfaches Motorrad kostet um die 1300 Euro).

24. Tag Tuk Tuk - Sipisopiso (160 km, 2500 Höhenmeter!)

Ich hätte mir ja denken können, dass die Mädels vom Hotel um 6:15 Uhr noch schlafen. Ich hatte ihnen zwar gesagt, dass ich um diese Zeit los will, aber es war keiner da. Na ja, dann musste ich eben den Chef wecken, und der hat mir die Rechnung gemacht. Das Wetter versprach sehr gut zu werden, und die ersten 40 Kilometer liefen locker vom Pedal. Da ich so gut in der Zeit lag, machte ich einen kleinen Abstecher zu einer heißen Quelle. Die gelben Schwefelablagerungen waren ganz nett anzusehen, aber ein Bad wollte ich dort nicht nehmen – wenn das Wasser noch heißer ist als die Umgebung, kann man nicht wirklich von Erfrischung sprechen. In Island war das anders. Die nächsten 15 Kilometer ging es stetig in Serpentinen bergauf, bis auf 1850 Meter wand sich die kleine Straße empor. Immer wieder hatte ich tolle Ausblicke über den See und konnte die Fahrt richtig genießen! Endlich sah ich mal, dass ich Höhe machte. Oben in Tele wurde ich gefragt, ob ich meinen Freund suche. „Hääää, wen? Ich fahre doch allein?!“ Es stellte sich heraus, dass knapp eine Stunde vor mir ein Franzose mit dem Fahrrad dieselbe Strecke gefahren war! „Schade, den habe ich verpasst.“ Die nächsten 50 Kilometer ging es in raschem Tempo fast nur bergab.

Gegen 15 Uhr erreichte ich den Ort der Entscheidung: Entweder bleibe ich hier in der Stadt, oder ich fahre noch weiter. Ich entschied mich für Letzteres und nahm in Kauf, nicht sicher zu wissen, wo ich übernachten würde. Vorher wollte ich noch etwas essen, aber das Essen lachte mich überhaupt nicht an: alte, in der Sonne gegarte Hähnchen und frischer Fisch von letzter Woche! Mhhhh! Nee, das musste nicht sein, da habe ich mir lieber 15 Bananen einverleibt. Hätte ich gewusst, wie die weitere Strecke sein würde, wäre ich sie vielleicht nicht mehr gefahren. Aber konnte ich ahnen, dass es 60 Kilometer durch den Dschungel gehen würde, davon 40 Kilometer bergauf, von 900 auf 1800 Meter? Die Kräfte schwanden langsam, und die Fahrt wurde immer anstrengender. Die Straße führte schnurgerade durch den Dschungel, und ich konnte nicht erkennen, ob es bergauf oder bergab ging. Nur meine Geschwindigkeit und, Gott sei Dank, mein Höhenmesser verrieten mir, dass es bergauf ging – sonst wäre ich wohl völlig verzweifelt. Die Uhr schien auch immer schneller zu laufen, und ich hatte Sorge, mein Ziel nicht mehr bei Tageslicht zu erreichen. Ich suchte ständig den Waldrand ab, fand aber keinen Platz für mein Zelt – und im Dschungel wollte ich eigentlich auch nicht übernachten.

Gegen 17:50 Uhr erreichte ich eine Straßensperre, an der ein paar Männer ein Lager aufgeschlagen hatten und von den vorbeifahrenden Autos Geld verlangten. Maut oder …? Ich weiß es nicht. Sie waren aber sehr nett. Kurz überlegte ich, ob ich die Nacht bei ihnen verbringen sollte, doch sie meinten, mein Ziel sei nur noch 20 Kilometer entfernt, und das alles bergab. „Mit einem 40er-Schnitt könnte ich es schaffen!“, dachte ich mir. Das war Motivation genug, um die letzten Kräfte zu mobilisieren und mich an das nächste Auto zu hängen. Gerade noch in der Dämmerung erreichte ich den Wasserfall von Sipisopiso. Dort gab es gleich den nächsten kleinen Schreck, denn das Motel sollte unten am See liegen. „Nee, nicht mit mir! Ich fahre keine 600 Höhenmeter runter, nur um zu schlafen und mich am nächsten Morgen wieder raufzuquälen!“ Nachdem ich ein „bisschen“ erschöpft geschaut hatte, erlaubten mir die Souvenirverkäufer, direkt mit Blick auf den wunderschönen Wasserfall zu zelten. Wasser zum Waschen bekam ich auch noch. Bevor ich das Zelt aufbaute, bestellte ich aber erst einmal eine vierfache Portion Bami Goreng, um meine leeren Akkus einigermaßen wieder aufzuladen! Sofort nach dem Essen fiel ich in den Schlaf der Gerechten. Der Tag war hart, hat aber gezeigt, was alles möglich ist. Jetzt fürchte ich nichts mehr, was da kommen mag, und kann sagen, dass ich meine alten Kräfte wiederhabe. *g*

25. Tag Sipisopiso - Medan (111 km)

Erst einmal ausschlafen bis 7 Uhr und dann noch gemütlich den Wasserfall anschauen. Früh erreichte ich den Touristenort Brastagi, der mich aber nicht besonders reizte, außerdem wollte ich heute noch nach Medan. Unterwegs aß ich das schlechteste Bami Goreng überhaupt: Es war gerade noch als braune Pampe erkennbar und wurde von etwa 40 Fliegen belagert. „Ach, wenn es denen so gut schmeckt, sollen sie die Hälfte haben!“ Bzw. das, was ich übrig ließ – und das war genug. Gleich am nächsten Stand an der Straße hielt ich an und trank Kokosmilch mit ganz vielen Eiswürfeln! Wenn ich Probleme bekomme, kann ich es immer aufs schlechte Essen schieben, denn die Milch war ein Genuss! *g*

Der Verkehr wurde immer dichter, und so kündigte sich langsam Medan an. Ich weiß nicht, wie viele Einwohner die Stadt hat, aber sie ist die größte auf Sumatra. Vielleicht eine Million oder mehr? (Ich habe gerade im Flieger nachgefragt: Die Zahl pendelt zwischen 1 und 2 Millionen.) Jedenfalls hatte mir jeder gesagt, es sei eine Drecksstadt und der Verkehr sei schlimm. Mhhh? Gut, sauber ist sie nicht, anzuschauen gibt es nichts, und Ausgehen ist auch nicht der Hit – aber der Verkehr ist genial! Genau wie in Jakarta! Wenn man sein Gefährt beherrscht, kann einem nichts passieren. Es ist überall so viel los, dass alle nur zwischen 20 und 50 km/h fahren. Ich werde von allen Seiten überholt oder dränge mich selbst durch den Dschungel. In welcher Großstadt kann man sonst auf einer sechs- bis siebenspurigen Straße zwischen der dritten und vierten Spur fahren und sich nebenbei mit Motorrad- und Busfahrern unterhalten? Mir hat es richtig Spaß gemacht! Nach einigen planlosen Kilometern durch die Stadt habe ich auch ein Hotel gefunden. Die einzigen Worte, die der Hoteljunge auf Deutsch konnte, waren: „Hast du mal ’ne Tüte?“ Tsss! Was die Touristen den Leuten so alles beibringen. Dazu sollte ich erwähnen, dass im Norden Sumatras sehr viel geraucht wird – und ab und zu habe ich auch gewisse Felder gesehen.

26. Tag Medan – Bukit Lawang – Medan

Mit den lokalen Minibussen habe ich mich auf den Weg nach Bukit Lawang gemacht, um dort einen Dschungeltrek mitzumachen und Orang-Utans zu beobachten. Das Dörfchen wurde im November von einer zehn Meter hohen Flutwelle weggerissen, und von den einstigen Häusern sieht man nicht mehr viel. Über 200 Menschen sind damals in den Fluten gestorben! Traurig, wenn man noch Möbelreste, Kleidungsfetzen und Spielzeugteile im Schlamm sieht. Über Touristen freuen sie sich aber sehr, denn so kommt wenigstens ein wenig Geld zurück ins Dorf. Ich machte den Trek mit meinem Guide Hamann, und nach einiger Zeit entdeckten wir einen etwas erbosten Orang-Utan. Als er uns sah, begann er, uns aus seinem Revier zu vertreiben, und hangelte sich dabei geschickt mit seinen langen Armen und Beinen durchs Geäst. Nach drei Stunden war alles vorbei, und ich saß wieder im Bus nach Medan. Mhh? Ob es das wert war? Sieben Stunden Busfahrt, um drei Tiere im Wald zu bestaunen. Ich weiß es nicht.

Auf der Rückfahrt musste ich am Busbahnhof in einen Stadtbus umsteigen. Das klingt alles recht einfach, aber konnte ich ahnen, dass es einen Unterschied zwischen den roten und den gelben Bussen mit derselben Nummer 64 gibt? Außerdem fuhr jeder in zwei Richtungen, und ich wusste weder, wie meine Haltestelle hieß, noch, wie der Ort hieß, an dem ich eingestiegen war. Mhhhh! Etwas dumm! Nach etwa zwei Stunden hatte ich ganz Medan gesehen – alles außer meinem Hotel. Nach weiteren 30 Minuten tauchte es dann doch endlich auf!

Am Abend traf ich leider wieder das Mädel vom Vorabend. Sie musste natürlich mit zum Essen und betonte ständig, dass sie gern Touristen treffe, um ihr Englisch zu verbessern, dass sie nicht auf Geld aus sei und ihre Sachen selbst bezahle! Ja, ja! Und warum habe ich dann ihre Fanta mitbezahlen müssen? Ich hatte keine Lust auf eine längere Diskussion und habe die 20 Cent bezahlt. Aber dann wollte sie mir noch ein Foto von sich schenken und mich umarmen. „Nee, nicht mit mir!“ Dass die immer so penetrant sein müssen! Ich habe es gut überlebt und konnte die Nacht allein in meinem Bett genießen! *g*

27. Tag Medan - Batam - Singapur (40 km)

Die Fähre, die ich ursprünglich nach Malaysia nehmen wollte, gab es nicht mehr. Also beschloss ich, nach Batam (eine kleine Insel vor Singapur) zu fliegen und von dort die Fähre nach Singapur zu nehmen. Der ganze Spaß hat mich dann doch ganze 85 Euro gekostet! Ich hoffe, das war erst mal mein letzter Flug, denn viele davon kann ich mir nicht leisten. Am Morgen war wie versprochen mein Flugticket da. Von dem Jungen, der mir helfen wollte, eine geeignete Verpackung zu finden, war leider keine Spur zu sehen. Also machte ich mich allein auf den Weg. Ein Rikschafahrer chauffierte mich zum Hauptmarkt, und dort begann die Suche. Eine „Klack-Klack“-Folie (in manchen Kreisen auch Luftpolsterfolie genannt) fand ich nicht, dafür gab es genügend Pappe von Obstkartons. Die Leute schauten mich etwas erstaunt an: „Was will ein Tourist mit dem Zeug? Und er schaut dabei auch noch recht glücklich aus!“ Bei der Rückfahrt gab es noch eine Diskussion mit dem Motorradfahrer um den Preis. Beim Verhandeln hatte er bei 6000 Rupiah genickt, bei der Ankunft wollte er aber 8000. Ich ließ mich erweichen und gab ihm 7000, aber damit war er immer noch nicht zufrieden. Seine Kollegen kamen dazu und meinten, er habe 8000 gesagt. Als ob die das gehört hätten! *g* Ich ließ sie weiterstreiten und ging einfach von dannen. Gut möglich, dass er mir noch böse Worte hinterhergerufen hat, aber so gut verstehe ich Bahasa Indonesia nun wirklich noch nicht! Ich habe es einfach als „Beehren Sie uns bald wieder!“ gewertet. Den Weg zum Flughafen konnte ich noch einmal genießen. Dort deutete sich schon die nächste Diskussion an: Auf einmal sollte ich für mein Fahrrad bezahlen, obwohl mir das Reisebüro vorher bestätigt hatte, dass es kostenlos sei. Nach langem Hin und Her – ich saß eindeutig am kürzeren Hebel – musste ich die 15 Euro widerwillig bezahlen. Grrrr. Diese kleinen Niederlagen ärgern mich immer. Ich muss im Handeln noch fitter werden! Na ja, ich habe ja noch ein bisschen Zeit! Der Flug war sehr entspannt, und dafür, dass es ein Billigflug war, war der Service bestens! Es gab mehrmals etwas zu trinken und sogar eine leckere Mahlzeit! So sollte es immer sein!

Den Weg vom Flughafen zum Hafen würde ich eher als langweilig beschreiben, aber die Vorfreude auf Singapur ließ mich ein recht gutes Tempo fahren. Mit der Schnellfähre war ich schon 45 Minuten später in Singapur. Die Nacht brach langsam herein, und ein einzelner Radfahrer machte sich auf, eine Bleibe zu finden. Das erste Hostel, das ich ansteuerte, lag in Little India, war aber leider voll. Also fuhr ich nach Chinatown, um dort etwas Passendes zu finden – aber ohne genaue Adresse ist es schwer, in einer Millionenstadt ein Hostel zu finden. Ich suchte bis etwa 23 Uhr und fand schließlich wieder in der Nähe von Little India eine Unterkunft. Es machte Spaß, durch die erleuchteten Straßen an den Wolkenkratzern vorbeizugleiten. Der Verkehr war so ruhig: leise Autos, niemand hupte, und alle hielten sich an die „normalen“ Verkehrsregeln. Eine Herausforderung war das nicht mehr, aber es war trotzdem sehr schön, die Stadt so auf sich wirken zu lassen.