80. Tag: Chiang Saen – Huay Xai (Laos) (55 km, 3:10 h, 750 Höhenmeter, 27 Grad, Regen, abends etwas Sonne)
Jetzt bin ich in einem Land angekommen, von dem ich nicht gedacht hätte, dass ich es besuchen würde. Ich muss schon sagen, ich bin in den letzten Wochen recht gut vorangekommen – es hätte aber auch nicht viel mehr Gründe zum Verweilen gegeben. Thailand war schon ganz schön, aber irgendetwas hat gefehlt. Ich glaube, es war der Kontakt zu den Menschen. Die Thais sind zwar sehr freundlich, aber oft wirkt es nur oberflächlich. Intensivere Kontakte hatte ich nur ganz selten. Da passt es doch gut, dass ich jetzt noch ein neues Land kennenlernen darf.
Ein kleines Boot hat mich mit meinem ganzen Krempel über den Mekong gebracht. Auf der anderen Seite war ich schon in Laos, das Immigration Office fand ich gleich, und dort bekam ich für 30 Dollar ein 14-Tage-Visum. Es ist schon eigenartig: Ich hätte Thailand ganz bequem ohne Stempel verlassen können, und in Laos hätte auch niemand gemerkt, dass ich eingereist bin. So streng sind hier die Kontrollen.
Obwohl es erst Mittag war, habe ich mich in einem Guesthouse einquartiert, um in Ruhe alle Formalitäten zu erledigen. Bei der Bank bekam ich für meine Reiseschecks ein ganzes Bündel Geldscheine. Der größte Schein ist der 20.000-Kip-Schein, das sind nicht einmal 2 Euro. Die waren leider aus, sodass ich für meine 100 Dollar ganze 100 Scheine in die Hand gedrückt bekam. Außerdem bereitete ich mich auf die kommende Strecke vor. Viele haben mich schon vor ihrer schlechten Qualität gewarnt, und da es seit einer Woche regnet, darf ich mit einer schönen Matschpiste rechnen. Ich stelle mich aufs Schlimmste ein und sehe das Ganze als guten Test für den Himalaja. Irgendwie werde ich schon durchkommen.
81. Tag: Huay Xai – Vieng Phouka (135 km Piste, 9:00 h, 2500 Höhenmeter, 40 Grad, Sonne)
Den sportlichen Teil des Tages erkennt man schnell an den Daten. Ich glaube, es reicht, wenn ich sage: Es war hart. Alle anderen Eindrücke sind nur sehr schwer zu beschreiben. Es begann schon auf dem ersten Kilometer, als plötzlich alle Fahrzeuge frontal auf mich zusteuerten. Bei den ersten dachte ich noch, sie seien durch mich so abgelenkt, dass sie die Spur nicht mehr ganz halten konnten. *g* Aber mir kamen wirklich alle entgegen, und dass ich nicht in einer Einbahnstraße war, hatte ich auch überprüft. Da kam es mir: „Mensch, Benni, die fahren hier rechts!“ Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Die Umgewöhnung war aber nicht allzu schwer, denn nach wenigen Kilometern begann die Piste durch die Berge, und da suchte ich mir die Seite einfach nach dem besten Untergrund aus.
Ich fuhr über ein paar Pässe, um mich herum der schönste Urwald – seit Sumatra hatte ich so einen Wald nicht mehr gesehen. Dazu passte natürlich sehr gut eine schlechte Matschpiste. Ab und zu kam ich durch kleine Bergdörfer, und ich musste nicht lange warten, bis der erste Schrei ertönte: „FALANG!“ Das heißt so viel wie Ausländer, und sofort kamen die Kinder und auch einige Erwachsene aus ihren Bambushütten an die Straße gerannt. Dann winkten sie eifrig und riefen immer: „Bye-bye!“ und „Sabaidee!“ Wenn ich anhielt, hatte ich schnell eine Menschentraube um mich, aber was man in der fremden Sprache so kann, war auch schnell gesagt. Dass jemand Englisch sprach, kam nicht vor.
Etwas zu essen zu bekommen war schwierig. Ab und zu gab es zwar Läden am Straßenrand, aber dort gab es meist nur Chips, Seife, Rasierer, Kaugummis, Kämme und Waschmittel – also nichts, wovon ich mich ernsthaft hätte ernähren können. An einem Truckstop kehrte ich ein, und man servierte mir Klebreis und eine Fischsuppe mit einem widerlich schmeckenden, total fettigen Fisch. Ich aß umso mehr Reis, aber dass man davon Energie bekommt, ist ein Gerücht. Mit dem letzten Licht erreichte ich nach neun Stunden Schufterei einen „etwas“ größeren Ort mit Guesthouse. Leider war ihnen das Essen ausgegangen, und sie konnten mir nur noch Reis mit Ei servieren! Das ist eine Mahlzeit nach so einem Tag!
82. Tag: Vieng Phouka – Luang Namtha (70 km, 5:00 h, 900 Höhenmeter, Sonne, 38 Grad)
Schnell merkte ich, dass Reis allein nicht genug Energie liefert, und fuhr die ganze Etappe mit „Low Power“. In den Dörfern bekam ich zwar ein paar Kekse und Suppen, aber so richtig wollte mein Körper die Nahrung nicht in Kilometer umwandeln. Die Piste war zudem sehr schlecht, ich musste mir wirklich jeden Kilometer erkämpfen. Aber die Landschaft entschädigte: Dschungel, Reisfelder, Berge und schöne Dörfer – was will ich mehr? Am Nachmittag erreichte ich Luang Namtha und aß erst einmal, was das Zeug hielt. Ansonsten hatte die Stadt nicht viel zu bieten, aber mit dem Essen war ich überaus glücklich. Am Abend traf ich ein paar Backpacker, die mir erzählten, dass sie eine harte, schreckliche zehnstündige Busfahrt hinter sich hätten. Ich erzählte ihnen, dass es bei mir auch anstrengend war, die Erlebnisse dafür aber umso interessanter. Wie sich herausstellte, waren wir dieselbe Strecke gefahren. Mit dem Radl sieht und erlebt man einfach mehr!
83. Tag: Luang Namtha – Oudomxay (120 km, 6:40 h, 1500 Höhenmeter)
Die letzten Tage steckten mir noch in den Knochen, und dazu fing mein Hintern an zu schmerzen. Mein Sattel löst sich langsam auf, ich hoffe, er hält noch bis Bangkok. Obwohl die Straße wesentlich besser war, klebte mein Fahrrad förmlich am Boden. Ich kontrollierte mehrmals, ob irgendetwas schleift, aber dem war nicht so. Bei einer dieser Kontrollen merkte ich, dass eine Speiche gebrochen war. Leider passierte das mitten in einem Dorf, und so nahmen alle Bewohner an der Reparatur teil. Ich hasse es, wenn ich dabei beobachtet werde. Zum Glück war es nicht die erste gebrochene Speiche, die Handgriffe saßen, und nach wenigen Minuten saß ich wieder im Sattel. Auf der Straße war erstaunlich wenig Verkehr dafür, dass sie die Hauptverbindung von Süd nach Nord ist – die Autos konnte ich fast an zwei Händen abzählen. Kurz vor Oudomxay traf ich eine Gruppe radelnder Jugendlicher auf dem Weg zum Baden. Wir fuhren ein Stück zusammen und hatten viel Spaß, auch wenn wir nicht viel von der Sprache des anderen konnten. Wieder einmal zeigt sich: Radfahren verbindet. *g* Ein paar der Jungs forderten mich zu einem kleinen Rennen den Berg hinauf heraus. Tja, das ging leider schlecht für sie aus. Ich bin zwar mit vollem Gepäck unterwegs, aber bei so einem kleinen Sprint kann ich ganz gut mithalten. Training, Training, Training! *g*
Die Stadt war nichts Besonderes. Man merkt, dass die chinesische Grenze nicht mehr weit ist, es gibt viele Waren aus dem Reich der Mitte. Ja, das Land ist als Nächstes dran. Es reizt mich sehr, mit dem Fahrrad nach China hinüberzufahren – aber keine Angst, zum Berg komme ich schon nach Erlangen.
84. Tag: Oudomxay – Nong Khiaw (115 km, 6:20 h, 1800 Höhenmeter)
Der Tag begann überhaupt nicht toll: Das Wetter versprach nichts Gutes, ich verschlief bzw. kam nicht aus den Federn, und dann hatte Fridolins Vorderrad über Nacht schlappgemacht. Alles keine guten Vorzeichen – doch es sollte ganz anders kommen. Schon am ersten Berg hatte ich meine alte Stärke wieder, und das Fahren machte richtig Spaß. Nach dem zweiten Pass über 1000 m wurde auch die Landschaft richtig schön. Immer wieder kam ich an netten Bergdörfern vorbei, und der Ausblick von den Pässen war gigantisch.
Nach 80 Kilometern erreichte ich meinen geplanten Zielort, einen kleinen Durchgangsort, der nichts Besonderes war. Dort traf ich zwei Traveller, die mir von einem nicht weit entfernten Ort vorschwärmten. Ich überlegte kurz und entschied mich dann, die 35 Kilometer noch auf mich zu nehmen. Die Strecke war zum Glück nicht besonders hügelig, und ich muss sagen: Es hat sich gelohnt. Der Ort ist von etwa 1200 m hohen Bergen mit imposanten Steilwänden umgeben, und mitten hindurch fließt ein großer Fluss. Ich glaube, hier ruhe ich mich einen Tag aus. Meinem Hintern und meinen Beinen wird es bestimmt nicht schaden.
85. Tag: Nong Khiaw (Mittwoch, 12.5.04)
Die Auszeit, die sich angekündigt hatte, nahm ich mir auch wirklich und genoss es, mal nichts zu tun. Ich holte mir Informationen über die kommenden Tage, denn ich habe meine Pläne geändert und will jetzt auf einer sehr kleinen, schlechten Straße nach Luang Prabang fahren. Eine Nacht werde ich in einem kleinen Bergdorf schlafen müssen, und dafür schrieb mir ein netter Laote ein paar Zeilen auf Laotisch auf (sagt man das so? Es sah zumindest chaotisch aus). Das wird noch einmal ein bisschen Abenteuer.
Am späten Nachmittag trafen sich einige Kinder aus dem Dorf auf der großen Brücke über den Fluss und spielten dort zusammen. Es war eine Art Gruppe – soweit ich es erkennen konnte, gab es zwei ältere Jugendliche, die die Spiele anleiteten. Sie spielten eine Art Fangen und machten noch einen Staffellauf. Ich finde es erstaunlich, dass es so etwas auch hier gibt. Bisher habe ich die Kinder immer nur allein spielen sehen.
86. Tag: Nong Khiaw – Pou Sanam (98 km, 7 h, 2750 Höhenmeter, 37 Grad, Sonne mit ein paar Wolken)
Am Morgen hingen die Wolken noch tief im Tal. Ich ließ es langsamer angehen, um mehr von den tollen Felsformationen zu sehen, die das Tal einrahmten. Nach wenigen Kilometern ging es schon den ersten Pass hinauf auf 1250 Meter. Wie die Straße verläuft, ist immer eine Überraschung: Auf einer Karte im Maßstab 1:1,4 Millionen kann ich nicht viel erkennen, Berge sind nur mit einem Kreuz und einer Höhenangabe eingezeichnet, der Rest ist einheitlich grün. So folgte auf den ersten natürlich gleich ein zweiter Pass. Dort zweigte auch die kleine Piste ab, die ich fahren wollte. Sie führte immer auf dem Grat entlang, was keineswegs heißt, dass sie eben war. *g* In den Senken zwischen den Gipfeln lagen fast immer kleine Bergdörfer, und auch hier lief jedes Mal das ganze Dorf zusammen, wenn ich hielt. Auf den 60 Kilometern Piste begegnete ich gerade mal drei Fahrzeugen. Busse gibt es hier nicht, Ausländer kommen also nur mit dem Fahrrad oder Motorrad ab und zu durch diese Dörfer. Im größten wollte ich übernachten. Der Besitzer des letzten Guesthouse war ja so nett gewesen, mir ein paar Sätze auf Lao aufzuschreiben, damit ich ein wenig zurechtkomme. Ich fand einen Schlafplatz bei einem Mönch, der der Dorfarzt war und ein bisschen Englisch sprach. Er servierte mir auch ein tolles Abendessen: Sticky Rice mit einem etwa 40 cm großen Dschungeltier. Was es war, kann ich nicht sagen, aber es hat nicht schlecht geschmeckt. Dazu gab es noch ein paar gegrillte Vögel, die allerdings etwas mühsam zu essen waren. Ich spendierte noch ein Bier, und wir unterhielten uns noch ein wenig.
Die einzige Wasserstelle des Dorfes wird täglich nur für zwei Stunden geöffnet. Dann kommen alle zusammen, füllen alle möglichen Gefäße mit Wasser und waschen sich. Es regnet hier zwar recht viel, aber so nah an den Gipfeln ist Wasser trotzdem knapp, die ergiebigeren Quellen liegen ein ganzes Stück tiefer.
87. Tag: Pou Sanam – Luang Prabang (113 km, 6:30 h, 1650 Höhenmeter, 38 Grad, Sonne, nachmittags Regen)
Heute war Markt im bzw. vor dem Dorf. Um sechs Uhr fuhr ich mit dem Mönch hin. Es gab die alltäglichen Dinge zu kaufen wie Kleidung, Seife, Benzin usw. Lebensmittel fand ich keine, denn die bauen die Leute hier für den Eigenbedarf selbst an. Der weitere Weg war sehr schön, es ging noch eine Weile auf dem Grat entlang, bis eine steile Abfahrt ins Tal folgte. Von da an fiel mir das Fahren schwer. Ich hatte mich auf eine ruhige Fahrt am Fluss entlang eingestellt, doch die Piste führte ständig steil bergauf und bergab. Langsam spüre ich, dass ich dringend eine längere Pause vom Radfahren brauche, ich bin einfach ein wenig ausgepowert. Da kommt mir der Berg genau richtig. Im Regen erreichte ich Luang Prabang. Die Stadt gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe und ist richtig schön: eine kleine Stadt mit Gässchen und kleinen Geschäften. Leider ist alles sehr touristisch, aber das ist eben die Haupteinnahmequelle für die meisten Bewohner.
88. Tag: Luang Prabang
Fahrt zu einem Wasserfall.
89. Tag: Luang Prabang – Kiou Ka Cham (80 km, 5:30 h, 2200 Höhenmeter)
Seit sechs Wochen habe ich keinen Radfahrer mehr getroffen, und heute treffe ich gleich vier! In der ersten Abfahrt begegnete ich zwei Kanadiern, die auch auf dem Weg nach Lhasa sind. Vielleicht treffen wir uns unterwegs. Die beiden sind allerdings etwas verplant: Sie fahren oft mit großem Abstand zueinander, und so ist es ihnen schon passiert, dass sie aus Versehen in verschiedenen Orten geschlafen haben – oder sie waren in derselben Stadt, aber in verschiedenen Guesthouses, und haben sich nicht gefunden. Von der Strecke gibt es nicht viel zu erzählen: zwei Pässe, und ab dem ersten hat es geregnet.
Nach dem zweiten Pass traf ich die beiden deutschen Radler Tini und Simon. Wir verstanden uns auf Anhieb gut, also beschloss ich, die 55 Kilometer, die ich noch fahren wollte, am nächsten Tag dranzuhängen. Die beiden waren seit acht Monaten unterwegs und in Afrika gestartet. Wir hatten uns viel zu erzählen – unter Radfahrern versteht man sich meistens. Es ist einfach ganz anders als mit den anderen Reisenden, das ist ein ganz anderes Volk. Ab und zu trifft man schon mal ganz Nette, aber das sind die Ausnahmen. Die Geschichten aus Afrika gefielen mir sehr gut. Das könnte ich mir auch mal gut vorstellen, aber nicht allein.
90. Tag: Kiou Ka Cham – Vang Vieng (156 km, 8:00 h, ca. 2000 Höhenmeter, Regen, 20–30 Grad)
Um sechs Uhr frühstückten wir gemütlich, dann musste ich aber zusehen, dass ich loskam, denn die 55 Kilometer musste ich heute ja zusätzlich fahren. Ich bin leider in Eile, weil ich rechtzeitig in Bangkok sein will. Das Wetter hatte sich nicht gebessert. In kaltem Regen – zum ersten Mal seit Sumatra brauchte ich wieder meine Regenjacke – ging es erst in der Höhe ein wenig auf und ab, dann folgte die Abfahrt ins Tal. Auf 1400 Metern hatte es nur noch knapp 20 Grad. Brrrrr. (Ich bin echt verweichlicht!!!) Das Tal ist von eindrucksvollen Kalksteinformationen umgeben.
Jetzt bin ich im Touristenort schlechthin: eine Straße, nur Guesthouses und Restaurants – das war der Ort. Ich hätte gar nicht gedacht, dass so viele Leute nach Laos reisen, hier treffen sich wirklich alle. Ich finde den Ort schrecklich, er hat nichts mehr mit Laos zu tun, er ist eine reine Partymeile. Überall laufen Filme. Ich habe mir „Der Herr der Ringe“ angeschaut, auf Englisch mit englischen Untertiteln. Allerdings hat der Untertitelschreiber den Film, glaube ich, nie gesehen. Es ergab eine ganz neue Geschichte – nicht ganz schlüssig, aber interessant.
91. Tag: Vang Vieng – Vientiane
Juhu, die Regenzeit ist da! Auch heute kam den ganzen Tag das Nass von oben. Dadurch entstehen ganz neue Verhandlungen um den Übernachtungspreis: Bei der Hitze konnte man den Preis immer drücken, wenn es keine Klimaanlage oder keinen Ventilator gab, jetzt ist viel interessanter, ob es Handtücher gibt. *g* Es gab Handtücher, und ich habe es trotzdem geschafft, den Preis um 40 % zu drücken! Am Abend aß ich am Mekongufer, leider begann es zu regnen. Oh, ich vergaß zu schreiben, dass es kurz aufgehört hatte. Damit ich nicht abtrünnig wurde, hielt mir ein nettes Mädel vom Essensstand die ganze Zeit einen Regenschirm!
92. Tag: Vientiane – Bangkok (Rad und Bus, 30 km, 1:30 h)
Auf dem Weg zur Grenze traf ich wieder einen Radfahrer: Steven aus Wales, der auch nach Tibet will. Wir wollen uns in Kunming treffen und dann, wahrscheinlich noch mit einem belgischen Radler, das Abenteuer durch die Berge gemeinsam angehen. Die Grenze war schnell überquert, und auf der anderen Seite buchte ich ein Zugticket nach Bangkok.
