
67. Tag: Sost (2900 m) – Passu (2450 m) (40 km, 2:15 h, 500 Höhenmeter, dazu 5 h Wanderung zum Passu- und Batura-Gletscher und auf einen Gipfel)
Frühmorgens verließ ich den Ort und machte mich auf den Weg nach Passu. Leider wurde das Wetter nicht besser, die meisten Berge steckten in den Wolken. Am späten Vormittag kam ich in Passu an und unternahm von dort eine Wanderung. Zuerst ging es zum Passu-Gletscher, an dessen Flanke ein schmaler Pfad eindrucksvoll in ein Nebental führte. Von dort machte ich noch einen Abstecher auf einen nahe gelegenen Gipfel. Der Ausblick war großartig: auf der einen Seite der graue Batura-Gletscher, auf der anderen der Blick ins Hunzatal. Der Batura-Gletscher ist mit seinen rund 60 Kilometern einer der längsten Gletscher Pakistans, und auf seinem weiten Weg fällt von den Hängen so viel Geröll aufs Eis, dass er wie eine graue Masse im Tal liegt. Nur in weiter Ferne konnte ich ein bisschen weißes Eis erkennen. An einer Seitenmoräne führte der Weg wieder ins Tal hinunter. Nach recht anstrengenden fünf Stunden war ich zurück im Hotel und traf dort die Jungs aus Irland wieder. Meine Wanderpläne für die nächsten Tage muss ich noch einmal überdenken, ich habe mir heute dicke Blasen gelaufen. Meine feinen Füße sind das Wandern nicht mehr gewohnt.
68. Tag: Passu (2450 m) – Karimabad (52 km, 3:20 h, 950 Höhenmeter)
Mit den Iren frühstückte ich am Morgen noch ausgiebig, bevor ich mich aufs Radl schwang, um mehr vom Karakorum Highway zu entdecken. Er ist eine tolle Straße durch eine faszinierende Bergwelt.
Nach Karimabad zweigt die Straße vom Highway ab und führt in mehreren Serpentinen steil hinauf zum Ort. Er ist absolut touristisch, aber trotzdem recht schön, und die Bewohner sind freundlich – jeder begrüßte mich. Wenn ich erwähnte, dass ich aus Deutschland komme und „Herman the German“ auch noch mein Professor ist, gab es kein Halten mehr. Den Nachmittag bummelte ich durch den Ort und erholte mich. Gerade sitze ich unter Pfirsichbäumen, schreibe und genieße den Blick auf den Rakaposhi. Es ist wirklich ein herrlicher Ort zum Entspannen.
69. Tag: Karimabad – Hopar – Camp 1
Fünftageswanderung
Es kommt immer anders, als man denkt, und so bin ich jetzt auf einem Fünftagestrek zum Rush Peak (5098 m).
Gestern Abend wollte ich nur zwei Tschechen, die auch mit dem Fahrrad unterwegs sind, in einem Trekkinggeschäft eine Karte zeigen – und dann bin ich bei dieser Wanderung hängen geblieben. Jetzt mache ich sie mit Mauricio, einem Chilenen, einem Guide und einem Koch. Der Preis, den wir ausgehandelt haben, ist mit 110 Dollar (einschließlich Essen, Transfer, Guide …) passabel. Heute Morgen sind wir mit einem Jeep nach Hopar aufgebrochen, eine Stunde von Karimabad entfernt. Das Wetter war recht annehmbar, und immer wieder tauchten weiße Bergspitzen aus den Wolken auf. Das sind hier schon richtige Berge! Gleich zu Beginn überquerten wir zwei Gletscherzungen, bevor es an einer Seitenmoräne entlang zum ersten Camp ging.
Unser Koch ist der Partner und ein guter Freund des Guides. Karim und Monzur zauberten im Zelt ein köstliches Mahl: Pommes, Reis, Suppe und Gemüse. Von der Idee, Pommes zu machen, bin ich immer noch begeistert!
70. Tag: Camp 1 (Barbar Chokor, 3300 m) – Camp 2 (Rush Lake, 4700 m)
Schon gestern Abend klarte der Himmel auf, und so starteten wir nach einem ausgiebigen Frühstück bei bestem Wetter. Es ging den ganzen Weg nur bergauf, aber beim Aufstieg hatten wir einen einmaligen Blick auf den Miar Peak und seinen beeindruckenden Gletscher. Die Tagesetappen sind so gewählt, dass man sehr gemütlich und mit vielen Pausen zum nächsten Camp wandert. Für mich ist das eine schöne Abwechslung zum Radfahren, und ich genieße den Luxus, mich um nichts kümmern zu müssen: Jeden Abend wird ein super Essen aufgetischt, und wenn ich aufstehe, ist das Frühstück fertig! Meine Ausrüstung (Zelt, Schlafsack, Kocher …) trage ich aber komplett selbst, nur einen Teil des Essens hat unser Träger und Koch übernommen.
Am frühen Abend erreichten wir Camp 2 am Rush Lake. Von hier aus machte ich noch einen kleinen Abstecher auf einen der umliegenden kleineren Gipfel und genoss die Aussicht.
Den Chilenen hat ein wenig die Höhenkrankheit erwischt. Er hat Kopfschmerzen, und ihm ist übel. Morgen entscheiden wir, ob er am Vormittag mit auf den Rush Peak (5098 m) steigt oder gleich mit dem Abstieg beginnt. Die Nacht wird voraussichtlich recht frisch, schon jetzt liegt die Temperatur nahe null Grad.
Oje, Karim hat ihm erzählt, dass langsames Herumlaufen gegen die Höhe hilft, und jetzt wandert er ununterbrochen in der Gegend herum! *g* Solange er im Zelt Ruhe gibt, ist es mir egal! *g* Nein, im Ernst: Ich war vor zwei Jahren am Ararat auch höhenkrank und kann gut nachfühlen, wie schlecht es ihm geht.
71. Tag: Camp 2 (Rush Lake, 4700 m) – Rush Peak (5098 m) – Camp 3 (Phaipari, 3400 m)
Yes, das Wetter war super! Keine einzige Wolke am Himmel, da hielt mich nichts mehr: so schnell wie möglich auf den Gipfel! Das Frühstück wurde auf später verschoben, und los ging’s. Nach etwa anderthalb Stunden war der Rush Peak erreicht. Die Aussicht war grandios: Wir konnten bis zum K2 sehen, und die umliegenden 7000er und Gletscher waren natürlich auch nicht zu verachten. Auch Mauricio hat den Aufstieg geschafft – auf allen vieren ist er bis zum Gipfel gekrabbelt. Es ist schon ein bisschen deprimierend, auf über 5000 Metern zu stehen, und alle Gipfel ringsum sind wesentlich höher.

Der Abstieg führte über einen steilen, schmalen Pfad. Der Chilene wirkte sehr unsicher, deshalb teilten Karim und ich sein Gepäck unter uns auf, damit er ohne Rucksack laufen konnte.
Auch das dritte Camp lag wieder schön im Grünen und war ein guter Platz zum Ausruhen. Mauricio lief immer noch planlos herum. *g*
72. Tag: Camp 3 (Phaipari, 3400 m) – Camp 4 (3400 m)
Der vorletzte Tag war der Tag der Gletscherquerungen: Es ging über zwei schwarze und einen weißen Gletscher. Für mich war es ein tolles Erlebnis, Gletscher so hautnah zu erleben – das ist etwas ganz anderes, als immer nur in Büchern darüber zu lesen.
Das vierte Lager schlugen wir auf einer Sommerweide auf. Ein Schäfer brachte uns gleich frischen Lassi, ein buttermilchartiges Getränk, und ich genoss die Landschaft. Mauricio wanderte immer noch herum! *g*
73. Tag: Camp 4 (3400 m) – Hopar – Karimabad
Noch nie auf dieser Reise habe ich Fridolin so lange im Stich gelassen. Vor lauter Frust hat er die Luft aus dem Hinterreifen gelassen. Ich kann es verkraften, es ist der erste Platten seit drei Monaten. Am Abend traf ich mich noch einmal mit Karim und Monzur. Wir aßen kleine Pfirsiche und ließen die tollen Eindrücke der letzten Tage noch einmal Revue passieren.
74. Tag: Karimabad (2400 m) – Gilgit (1600 m) – Chilas (1050 m) (110 km, 5:40 h, 950 Höhenmeter)
Gleich nach der Abfahrt von Karimabad hinunter zum KKH sah ich zwei Fahrräder mit Ortlieb-Taschen, und wer saß daneben? Ich traute meinen Augen kaum: Sebastian und Wolfram, zwei Freunde aus Erlangen bzw. Wolfram aus München. Ich hatte nicht mehr damit gerechnet, sie noch zu treffen, umso größer war die Freude. Sie machen sich jetzt auf den Weg nach Tibet. Na dann viel Spaß! Ich bin froh, dass ich die Strecke nicht noch einmal fahren muss.
Die weitere Fahrt nach Gilgit war kein Problem, und dort fand ich einen Suzuki-Kleinbus, der mich nach Chilas mitnahm.
75. Tag: Chilas (1050 m) – Babusar (2900 m) (41 km, 6 h, 2250 Höhenmeter)
Warum musste ich mir mal wieder die anstrengendste Route aussuchen? Ich glaube, der Babusar-Pass gehört zu den härtesten der Welt: über 3000 Höhenmeter auf nur 52 Kilometern! Dazu hat die Straße keinen Belag und gleicht oft einem Flussbett oder einem Geröllfeld. Und bei der Steigung der Rampen wurden die Menschenrechte der Radfahrer auf würdiges Fahren völlig außer Acht gelassen.
Das Tal, durch das die Piste führt, war wunderschön, und immer wieder kam ich durch kleine Dörfer. Nicht selten hatte ich über 20 Kinder um mich, die mir schreiend folgten. Leider bespritzten sie mich nicht mit kühlem Wasser, sondern bewarfen mich im unteren Abschnitt mit Steinen! An Flucht war nicht zu denken, denn an der nächsten Ecke warteten schon die nächsten. Außerdem fanden sie es unheimlich lustig, meine Taschen zu packen oder mich zu bremsen. Mehrmals sprang ich vom Radl und jagte sie oder flüchtete mich zu den Erwachsenen, die immer auf meiner Seite waren.
Nie wusste ich, was mich als Nächstes erwarten würde. Gerade als meine Muskeln nicht mehr so recht wollten und mich mit Krämpfen plagten, kam ein netter Mann zu mir und lud mich zum Essen ein.
In Babusar war endgültig Schluss. Ich hatte keine Kraft mehr und musste mein Vorhaben begraben, den Pass an einem Tag zu schaffen. An der Polizeistation traf ich nette Beamte, die mir anboten, mein Zelt direkt in ihrem „Garten“ aufzubauen. Und als es am Abend zu regnen begann, schaufelten sie eifrig einen Graben um mein Zelt! Das sind schon freundliche Menschen hier – wenn nur die Kinder nicht wären! In kleinen Gruppen sind sie harmlos, aber wenn es mehr als zehn werden, muss man Respekt haben und gut überlegen, wie man sich verhält.
76. Tag: Babusar (2900 m) – Babusar-Pass (4175 m) – 30 km vor Naran (3000 m) (ca. 60 km, 6:30 h, 2000 Höhenmeter)
Es war immer noch leicht bewölkt, aber der Regen hatte aufgehört. Nach lästiger Schieberei auf der schlechten Flussbettpiste ließ ich das Dorf hinter mir und war endlich in unbesiedeltem Gebiet. Es war angenehm, die letzten Kilometer bis zur Passhöhe allein anzugehen. Nach etwa drei Stunden hatte ich die „wenigen“ zwölf Kilometer geschafft und freute mich über meinen Erfolg. Zur Belohnung gab es einen großen Kuchen, den ich vor zwei Tagen in Gilgit gekauft hatte. Großartige Momente müssen gefeiert werden.

Leider wurde das Wetter schlechter, und es begann zu hageln. Das erschwerte die Abfahrt enorm, denn die steinige Piste wurde äußerst rutschig. Nach einigen Kilometern kam ich wieder an ein paar Häusern vorbei. Leider konnte ich nicht mit sicherem Tempo vorbeifahren, und so holten mich wieder einige Kinder und Jugendliche ein. Die wollten plötzlich Lippenstifte haben! „Sagt mal, sehe ich aus wie ein Kaufmann, der Tausende Stifte, Lippenbalsam und andere Dinge herumfährt?“ Die Kinder blieben zum Glück ruhig. Bei den nächsten Häusern kam ein Junge angerannt und versuchte doch glatt, mich vom Radl zu werfen, indem er an meinem Lenker zerrte. Da platzte mir der Kragen: Ich sprang ab und verfolgte ihn ein paar Meter. Zum Glück erwischte ich ihn nicht! Das ist eine Gegend! Der Regen ließ nicht nach, aber ich fuhr trotzdem weiter. Wo hätte ich auch bleiben sollen?
„Nein, da kommen schon wieder welche angerannt!“ Doch diesmal hatten sie eine Tasse in der Hand: „Tee, Tee, Tee?“ Dieses Land ist verrückt! Dann kam noch ein Mann dazu, der mich zum Essen in sein Zelt einlud. Er war Soldat und freute sich, mich als Gast bewirten zu dürfen. Die Einladung, auch die Nacht bei ihm zu verbringen, musste ich ausschlagen, denn die Piste wurde mit dem anhaltenden Regen immer schlechter, und ich wollte so weit wie möglich kommen, um Islamabad in der geplanten Zeit zu erreichen.
Auf dem weiteren Weg traf ich nur noch freundliche Pakistanis, die mich immer wieder zu Essen oder Tee einladen wollten, und nach ein paar Stunden wurde auch die Piste endlich etwas besser. Jetzt war wieder an normales Radfahren zu denken.
Ich fuhr, bis es dunkel wurde, und erreichte einen kleinen Ort. Die Bewohner wirkten recht freundlich, also nahm ich das Angebot an, mitten im Ort neben einer Moschee mein Zelt aufzubauen. An die 20 Mann halfen mir bei etwas, das ich allein viel schneller erledigt hätte. Was soll’s, es war ein Riesenspaß. Wenn ich etwas Ruhe haben wollte, musste ich nur so tun, als wolle ich mich waschen oder umziehen, schon gönnten sie mir meine Privatsphäre. Neben mir wohnten ein paar Afghanen in ihren Zelten, die versprachen, in der Nacht auf mich aufzupassen. Eigentlich sei es hier aber absolut ungefährlich.
77. Tag: 30 km vor Naran (3000 m) – Naran – Islamabad (Bus) (30 km, 2 h, 250 Höhenmeter)
Die Wolken waren weitergezogen, und ich wachte mit all meinen Habseligkeiten auf. Mein Gefühl hatte mich nicht getäuscht. Die Straße wurde immer besser, einige Kilometer vor Naran war sie sogar asphaltiert! Was für ein Genuss! In Naran fand ich einen Bus, der mich nach sechs Stunden Kurverei durchs Gebirge in die nächstgrößere Stadt brachte. Dort entdeckte ich sofort einen weiteren Minibus nach Islamabad.
Bei meiner Ankunft war es dunkel, und ich war recht froh, als ein Mitreisender meinte, er könne mir ein gutes, günstiges Hotel zeigen. Der Tipp entpuppte sich als Reinfall, denn der Chef war ein richtiges Arschloch! Sorry für die Ausdrucksweise, aber es gibt einfach kein passenderes Wort. Er gab mir ein Zimmer, das auf den ersten Blick recht passabel aussah. Nach dem Duschen musste ich aber feststellen, dass sich die Tür nicht abschließen ließ und das Bett dreckig war. Letzteres ist weniger schlimm, da ich mein eigenes Zeug dabeihabe, aber das mit der Tür gefiel mir gar nicht, denn ich wollte ein paar Tage in Islamabad bleiben. Auf meine Frage nach frischer Bettwäsche meinte er nur, alles sei in der Wäsche, ich bekäme am nächsten Tag neue. Die kaputte Tür wollte er mir nicht so recht glauben. Ein Angestellter begleitete mich, und ich konnte ihn überzeugen. Da nahm er meinen Schlüssel und schloss damit das Nachbarzimmer auf. Na super, ein Schlüssel für alle! Und das Zimmer war auch noch sauber! Da platzte mir der Kragen. Ich machte noch ein bisschen Rabatz, dass ich mich nicht verscheißern lasse und nicht, wie geplant, ein paar Tage bleibe, sondern morgen früh ausziehe. Um die Drohung noch in derselben Nacht wahr zu machen, war ich zu müde. Immerhin war der Tag lang und anstrengend gewesen.
78. Tag: Islamabad (15 km)
Angepisst!
Es gibt Tage, die sollte es lieber nicht geben. Nach dem gestrigen Streit mit dem Hotelchef musste ich natürlich Konsequenzen ziehen. Also packte ich meine Sachen und machte mich auf die Suche nach einem neuen Hotel. Ein paar Blocks weiter fand ich das erste, aber die Angestellten wollten mir weismachen, dass es in der Gegend kein Hotel unter 30 Dollar gebe. „Oh mein Gott!“ Das würde meinen finanziellen Rahmen völlig sprengen. Etwas frustriert zog ich weiter und fuhr planlos die Straßen entlang. Nach einer Weile trieb ich doch ein Hotel auf, das eher meinen Preisvorstellungen entsprach.
Oh Mist, die Hotelsuche hatte mich ganze zwei Stunden gekostet. Jetzt musste ich schnell ein Taxi finden, um zur indischen Botschaft zu fahren. Das gestaltet sich allerdings schwierig: Islamabad ist eine Planstadt und komplett in Quadrate aufgeteilt, und so gibt es auch einen eigenen Block für die Botschaften. Den darf man aber nicht einfach betreten, sondern muss sich erst auf einem Parkplatz ein Ticket für einen Shuttlebus kaufen und sich in eine lange Schlange einreihen. Als ich so in der Sonne stand, fiel mir das flaue Gefühl im Magen auf: Ich hatte heute noch nichts gegessen, und gestern war es auch nicht gerade viel gewesen. Irgendwann war ich endlich an der Reihe und durfte in den Bus, der mich aufs Botschaftsgelände brachte. Vor allen Botschaften war es recht ruhig – vor der indischen natürlich nicht. Schon wieder lange Schlangen, Warten und Formulare ausfüllen. Als ich endlich dran war, meinte der Beamte doch glatt: „Sorry, closed! Open 10 to 11 o’clock! Please come tomorrow!“ Nein, so etwas darf es doch nicht geben! Zum Glück konnte ich ihn überreden, mich noch dranzunehmen, weil ich ja extra von so weit her angereist sei! *g* Stimmt ja auch irgendwie. Das Glück währte aber nur kurz, denn er teilte mir mit, dass ich mein Visum erst nächste Woche bekomme. So ein Mist! Ich hatte mit zwei, drei Tagen gerechnet, aber nicht mit einer Woche! Was soll ich so lange in dieser langweiligen Stadt? Außerdem muss ich jetzt auch noch mein Pakistan-Visum verlängern, damit ich an der Grenze keine Probleme bekomme. Dafür war es heute zu spät. Morgen ist auch noch ein Tag! Oh Mann!
Inzwischen habe ich allerdings neue Pläne: Mit meinem ganzen Geraffel ziehe ich weiter nach Lahore, verbringe dort die Wartezeit und spurte am nächsten Montag nur für das Visum nach Islamabad.
10.9.2004, Pakistan, Lahore (Bericht vom 80. bis 88. Tag, 1.9.–9.9.)

80. Tag: Islamabad – Lahore (20 km)
Am nächsten Tag machte ich mich auf, um mein Pakistan-Visum zu verlängern. Nach erneutem Warten teilte man mir mit, dass eine Verlängerung gar nicht nötig sei, weil es noch gültig sei.
Mhhh, da hatte ich wohl eine Fehlinformation bekommen. Egal. Am Nachmittag erwischte ich einen Bus nach Lahore. Der Fahrer wollte doch glatt mehr Geld für mein Fahrrad als für mich! Nach längerer Diskussion ging ich als Sieger hervor, zahlte aber immer noch genug. Als wir an einer Raststätte hielten, lud mich der Fahrer zum Essen ein – wohl als Entschädigung. Das ist Pakistan: Man weiß nie, was passiert!
Die Ankunft in Lahore war das absolute Gegenteil zum ruhigen Islamabad. Die Straßen bebten nur so vor Leben: Händler, Reisende, Bettler, Busse, Rikschas und noch mehr Verkehrsmittel. Erst mal atmete ich tief durch – allerdings nicht sonderlich erfolgreich, denn die ganzen Abgase verstopften meine Lunge.
Temperaturmäßig war es hier noch einmal ein paar Grad wärmer als in der Hauptstadt. Mit meinem voll beladenen Fahrrad kämpfte ich mich durchs Verkehrschaos. Die Rikschas sind mit Abstand die gefährlichsten Fahrzeuge: meist total veraltet, mit schlechten Bremsen und Fahrern, die bei jeder Fahrt einen neuen Streckenrekord aufstellen wollen. Nach einer halben Stunde hatte ich meine Unterkunft gefunden und erholte mich von der Fahrt.
81.–84. Tag: Lahore
Lahore ist eine richtige Stadt. Hier ist Leben, und ich konnte allerhand unternehmen. Am Donnerstagabend besuchte ich eine Sufi-Nacht. Das lässt sich nur schwer beschreiben, und wie es da abging, glaubt man nur, wenn man es mit eigenen Augen gesehen hat. An einem Schrein fanden sich – ich schätze, über tausend – Männer ein. An verschiedenen Stellen entlockten jeweils zwei Musiker ihren Trommeln faszinierende Beats. Ein paar Männer tanzten sich wild in Ekstase, die Mehrzahl half allerdings mit Haschisch und Gras nach. Anfangs roch ich nur etwas und dachte mir nicht viel dabei, aber nach kurzer Zeit schaute ich in die Menge, und fast jeder war damit beschäftigt, die tollsten Tüten zu bauen. Später wurden noch „Monsterjoints“ herumgereicht, bis zu 40 Stück in eine Art Flöte gesteckt. Die Menge schwankte nur so herum, ich kam mir vor wie auf der Bergkirchweih – nur dass in Lahore nicht der Alkohol schuld war.
Die übrigen Tage bummelte ich durch die Altstadt, besuchte Moscheen und das Fort und genoss die beste Eiscreme Pakistans! Ihr Ruf soll angeblich weit über die Landesgrenzen hinausreichen, und das glaube ich gern, denn auf meiner ganzen Reise hatte ich kein besseres Eis gegessen.
85. Tag: Lahore – Islamabad
Ich wollte meinen Aufenthalt in Islamabad so kurz wie möglich halten, also nahm ich den Nachtbus und war schon um 5 Uhr morgens in der Stadt. Gemütlich und voller Erwartung machte ich mich auf zur Botschaft (natürlich wieder mit Warten und Shuttlebus). Dort wollte man aber nur Geld von mir und vertröstete mich auf den nächsten Nachmittag.
86. Tag: Islamabad
Als ich nach der ganzen Prozedur pünktlich an der Botschaft ankam, musste ich feststellen, dass heute geschlossen war – Feiertag. Das hätten sie mir ja auch gestern schon sagen können! So durfte ich noch einen Tag länger in dieser tollen Stadt verbringen.
87. Tag: Islamabad – Lahore
Aber schau an: Beim vierten Anlauf und nach „nur“ zehn Tagen hatte ich mein Visum in der Hand. Abends nahm ich den Bus nach Lahore, wo ich gegen Mitternacht ankam.
88. Tag: Lahore
Leider habe ich seit ein paar Tagen Magen-Darm-Probleme, die nachts schlimmer wurden. Deshalb legte ich noch einen Ruhetag ein, um das Gröbste auszukurieren. Ich hoffe, dass ich Pakistan morgen verlassen kann.
