1. September: Göreme
Hallo! Ich bin inzwischen in Göreme, einem „schönen“ Touristenort!
Um Mitternacht stand ich vor dem Flughafen in Ankara! Die erste Nacht habe ich in einer Dönerbude verbracht. Sobald es hell wurde, saß ich auf meinem Fahrrad, um ein neues Land zu entdecken: die Türkei. Erst ging es noch auf gut ausgebauten Teerstraßen dahin, aber sobald ich auf eine kleinere abbog, fand ich meist nur noch irgendwelche Schotterpisten. Nach etwa 40 km gab es auf einmal ein lautes Rumpeln: Ich hatte das Rad vom Anhänger verloren, oder vielmehr die Befestigung. Zum Glück passierte das in der Nähe eines Dorfes. Ich packte die wichtigsten Sachen und den Anhänger und fuhr zurück ins Dorf. Dort war ich sofort von vielen Menschen umringt, aber die hatten eher Augen für mich als für mein Problem. Also wieder zurück zum Gepäck, wo ich suchte, ob ich nicht doch etwas Geeignetes dabeihatte, um die Panne zu beheben. Schließlich fand ich eine passende Schraube, die ich am Fahrrad entbehren konnte. Hmmm, etwas enttäuscht war ich schon, denn alle hatten mir immer die Gastfreundschaft der Türken gelobt, und so richtig geholfen hatte mir keiner!
Doch schon in der nächsten Stadt änderte sich meine Meinung: Ich wollte nur nach dem Weg fragen und hatte schon einen Tee und einen Sesamkringel in der Hand. Das wiederholte sich noch viele Male. Am Nachmittag quälte ich mich den Berg hinauf zu einem kleinen Städtchen. Ich war müde, und beide Beine verkrampften immer wieder. Ich freute mich nur noch auf eine erfrischende Cola.
Oben angekommen, saß ich an eine Mauer gelehnt und erholte mich, als gleich ein paar Jugendliche auf mich zukamen und fragten, ob sie sich mit mir unterhalten dürften. Mir war’s recht, solange ich weiter meine Cola trinken durfte. Wir unterhielten uns gut, und sie boten mir an, im Garten der Moschee zu zelten. Optimal, da hatte ich gleich eine Übernachtungsmöglichkeit! Wir saßen noch lange zusammen, und inzwischen hatte nicht nur die ganze Stadt, sondern auch die Polizei Wind von mir bekommen. Die Polizisten kamen gleich und hielten es für keine gute Idee, dort zu zelten – ich solle doch ins Hotel gehen. Daraufhin machte ich ihnen klar, dass ich ein armer Student bin und mir das Hotel nicht leisten kann.
In der Zwischenzeit hatten mir die Jungs ein komplettes Mahl aufgetischt, mit Eiern, Tomaten, Brot … zu nett! Alle schauten mir beim Essen zu, aber ich war hungrig. Danach ging es zur Polizeistation, wo man mir erklärte, man habe mir ein Zimmer im Hotel besorgt, und ich bräuchte nichts zu bezahlen. Die Jungs fingen sofort an, von dem Hotel zu schwärmen. Na ja! Es war ein kleines Zimmer, Strom und Licht gab es nicht (wegen der Polizei), Wasser auch nicht (Dusche, Toilette)! Und das Beste: Um 6:30 Uhr klopfte die Polizei an meine Tür und gab mir zu verstehen, ich solle das Hotel doch bitte in einer Stunde verlassen.
Warum? Auch egal. Nach 15 Minuten war ich weg und habe mich erst mal außerhalb der Stadt gewaschen und gefrühstückt!
Das ist ein kleiner Einblick in meine Tour! Mir geht es sehr gut, nur der Computer hier bringt mich zum Wahnsinn: Ich habe die Mail jetzt schon dreimal geschrieben, und er ist jedes Mal irgendwann abgestürzt (ich habe auch keinen Nerv mehr, das Ganze noch mal durchzulesen, also …). Jetzt bin ich müde, und morgen fahre ich weiter! Macht’s gut, Bernward



5. September (glaube ich!): Midyat
Hallo, ich sitze mal wieder an einem Computer! Es ist viel passiert! Aber zuerst das Wichtigste: Mir geht es gut, und fast alles war positiv!
Die Touristenmetropole habe ich nach meinem Ruhetag endlich verlassen. Es hat mir dort nicht wirklich gefallen. Ich hatte wenigstens gehofft, ein paar nette Leute zu treffen, aber Fehlanzeige! Also auf und davon! Nach etwa 20 km hatte ich auch den letzten Touristen hinter mir gelassen, und von da an wurde es nur noch schön.
Ich fuhr durch einen gigantischen Canyon, links und rechts säumten kleine Tufftürmchen die Straße – super! Danach führte die Straße hinauf auf das Plateau über dem Canyon, und die Täler waren nicht mehr zu sehen. Wer jetzt denkt, ich sei auf dem höchsten Punkt der Gegend (1200 Meter!), irrt sich: Nicht weit von mir ragte ein riesiger Vulkan in die Höhe, fast 4000 m! Nicht schlecht.
Ich kam ihm immer näher, und vor ihm erstreckte sich eine weite Ebene. Schön! Dort zeltete ich und machte am Morgen eine Vogeltour durch die Sümpfe – ich sah sogar Flamingos. Leider haben in der Zwischenzeit Hunde mein Gepäck verwüstet und mir Essen, Trikot, Taschenlampe und meine guten Fahrradsandalen geklaut!!!! Mist, jetzt habe ich nur noch zwei T-Shirts! Na ja, zum Glück war nichts Wichtiges dabei!

5. September: Midyat
Ups! Die Mail habt ihr leider etwas öfter bekommen. Sorry, der Computer hier ist sehr langsam, und ich bin schon froh, dass es überhaupt funktioniert. Also weiter im Bericht! Zur Vogelgeschichte erzähle ich zu Hause mehr, das würde jetzt den Rahmen sprengen. Jedenfalls ging es danach in die Berge. Auf einer Teerstraße ging es noch bis auf 1900 m hinauf, danach führte nur noch eine schlechte Staub- und Schotterpiste an einem Erztagebau vorbei. Jetzt wusste ich auch, was die ganzen Laster auf der Strecke wollten – die fuhren den Pass langsamer hinunter, als ich ihn hinauffuhr!! Mit den Lkw-Fahrern war es aber recht lustig, wir hatten viel Spaß unterwegs!
Zumindest auf dem geteerten Teil. Ab dann hatten nur noch sie Spaß, denn jedes Mal, wenn mich einer überholte, hüllte er mich für eine Minute in eine gewaltige Staubwolke (ICH MÖCHTE NICHT WISSEN, WAS ICH DA ALLES EINGEATMET HABE!). Wie ich am Ende des Tages aussah! Mein Fahrrad war auch nicht viel besser!!! Irgendwann kam ich unten im Tal an, und dort gab es sogar wieder Menschen: ganz einfache Bauern, die gerade ein paar Maiskolben grillten, als ich vorbeifuhr. Natürlich wurde ich sofort angehalten und musste einen probieren. Mhhh! So richtig geschmeckt haben sie mir nicht, aber Nahrung ist Nahrung!

5. September: Midyat
Langsam wurde es Abend. Auf dem Weg in die Berge und durch sie hindurch hatten mich alle vor Wölfen und anderen wilden Tieren gewarnt und mir eingeschärft, nur in Dörfern zu übernachten. Na ja, das hatte ich ohnehin vor. Das Pfefferspray hatte ich natürlich trotzdem immer im Trikot und in der Lenkertasche – man weiß ja nie, und ein besseres Gefühl gibt es allemal!! Bald sollte die „Weltstadt“ Mansurlu kommen. Ich fragte mich bis zum Restaurant durch. Es gab nur eins, und das war sehr einfach. Sofort war ich von zehn Kindern umringt, und alle wollten mich und mein Fahrrad anfassen. Ich glaube, in ihrem Ort hatten sie noch nie einen Touristen gesehen, und dann auch noch auf einem Fahrrad. Sofort wurde mir ein Stuhl gebracht und auch ein Dolmetscher (irgendjemand, der ein, zwei Wörter Englisch sprach!). Ich gab ihnen zu verstehen, dass ich eine Übernachtungsmöglichkeit suche. Da witterte der Wirt Mustafa, ein junger Mann, seine Chance, Geld zu verdienen.
Wir einigten uns auf 5 Euro mit Abendessen und Frühstück. Ab sofort stand ich unter seinem Schutz: Er kümmerte sich den ganzen Abend um mich und passte auf, dass niemand meine Sachen anfasste oder mit meinem Fahrrad fuhr. Witzig! Ach ja, vorher hatte er bzw. das ganze Dorf die Unterkunft noch angepriesen, mit TV, Radio, VCD … Das war mir alles ziemlich egal, ich war einfach fertig! Zu essen gab es Kebap. Ich glaube, das gesamte Dorf schaute mir beim Essen zu, alle wollten mit mir reden, es war ein Riesentrubel. Zum Waschen wurde ich in einen Raum geführt, in dem eine Schüssel mit kaltem Wasser und ein kleiner Schöpfer standen, im Betonboden war ein kleiner Abfluss. Sehr einfach, aber es funktionierte. Damit ich in einem Bett schlafen konnte, wurde die Familie aus ihrem Wohn- und Schlafzimmer verbannt, und ich schlief mit dem Chef im Zimmer. Die Frauen mussten die Nacht wohl auf dem Boden verbringen!!! Das Frühstück war einfach und gut! Und schon ging es weiter …
5. September: Cizre
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Es gibt viel zu erzählen, aber alles der Reihe nach. Es folgte wohl der anstrengendste Tag meiner Tour, mit vielen Pässen und Kilometern. Aber letztendlich kam ich doch noch aus den Bergen heraus. Ich fuhr bis Kozan und nahm von dort den Bus nach Adana. Dort erwischte ich noch den Nachtbus nach Mardin in der Ost-Türkei. Um 6 Uhr morgens war ich schließlich da und startete in den Tag. Zwei Orte weiter wurde ich gleich zu einem leckeren Frühstück eingeladen und bekam obendrein noch eine Bäckereiführung. Die Landschaft war eher langweilig, flach und karg. Daraus folgt: Kilometer fressen! Der größte Unterschied zur West-Türkei ist die Militärpräsenz, und schon kamen die ersten Straßensperren mit Personenkontrollen. Die stellten bis dahin kein Problem dar. Am späten Nachmittag nahm ich mir vor, noch bis zur nächsten Stadt zu fahren – hier im Osten darf ich nur noch in Hotels oder Ähnlichem schlafen. Die Entfernung war kein Problem, um noch im Hellen anzukommen. Doch dann wieder eine Straßensperre! Hier erklärten mir die Soldaten, dass ich nicht weiterfahren darf. Ich war schockiert und hatte keine Lust, schon jetzt mit meinem Vorhaben Ost-Türkei zu scheitern! Nach langem Hin und Her erklärten sie mir, dass das Grenzgebiet zum Irak für Ausländer gesperrt sei. Daraufhin überlegte ich mit dem ranghöchsten Offizier eine Ausweichroute, und währenddessen brachte ein anderer Soldat Tee und etwas zu essen. Die waren richtig nett. Kurz darauf wies ich darauf hin, dass ich die Stadt noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen muss. Sie wünschten mir viel Glück, und weiter ging es. Nach 7 km schon wieder eine Sperre. Hier war alles ein bisschen anders: Sie hatten kein Problem mit meiner Route, sondern mit meinem Pass. Sie wollten mir nicht glauben, dass mein Personalausweis mein Pass ist und in der Türkei gilt.
Also zog ich die Nummer mit dem Müdesein durch, und schon bekam ich Tee und etwas zu essen. Die Sonne war gerade untergegangen. Nach 30 Minuten winkten sie mich doch noch durch. Jetzt hieß es powern! Gleich würde es dunkel sein, und ich hatte noch 10 km vor mir. Endlich sah ich die Stadt unten im Tal leuchten. Es war ganz düster und unheimlich, in die Stadt hineinzufahren: Dunkelheit, Staubwolken und hier und da ein kleines Feuer. Ich fragte mich schnell zu einem Hotel durch. Es ist wohl eins der teuersten, 12 Euro wollen sie. Auch egal, Hauptsache weg von der Straße. Das Zimmer hat sogar eine Dusche!!!!! Nach zwei Tagen Staub endlich duschen – Mensch, lief da viel Dreck an mir herunter!!! Auf einmal klingelte das Telefon in meinem Zimmer: Die Polizei warte unten auf mich. Ups, was ist jetzt schon wieder? Also runter, wo mich sechs Beamte in Zivil erwarteten. „Passport.“ Na gut, das Spielchen kenne ich ja schon, nur brachte diesmal kein Polizist den Tee, sondern ein Hotelangestellter. Auch sie wollten mir nicht glauben, dass mein Ausweis so aussieht. Sie stellten mir viele Fragen, telefonierten viel und wussten auch nicht so recht weiter. Ich wies immer nur darauf hin, dass ich mit diesem Ausweis auch in die Türkei eingereist bin. Das interessierte sie nicht. Ich bot ihnen auch an, die Deutsche Botschaft anzurufen … Nach 20 Minuten standen plötzlich alle auf, denn der oberste Chef kam. Er stellte mir noch einmal dieselben Fragen. Irgendwann befand er es für gut und glaubte mir, dass ich einen gültigen Ausweis dabeihabe. So ist das mit der Polizei! Ergebnis: Ich muss leider meine Route etwas ändern. Ich fahre erst mal etwas nach Norden und von dort nach Van. Schade! Macht’s gut, Bernward
6. September: Siirt
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Und es kommt immer anders, als man denkt!
a) Vier Bananen und mindestens fünf Tee halten die Darmflora nicht ewig in Schuss.
b) Auch das Militär ändert seine Gewohnheiten.
c) Ich hätte alle Militärsperren durchbrochen.
Den heutigen Tag ließ ich langsam anlaufen: erst mal schön frühstücken und mich dann noch auf ein paar Tee einladen lassen. Ich habe aber auch sehr viele Einladungen ausgeschlagen, sonst wäre ich wohl gar nicht mehr aus der Stadt herausgekommen. (Cizre liegt 1 km von Syrien und 20 km vom Irak entfernt.) Ich fuhr noch ein Stück am Tigris entlang, bis sich vor mir ein kleines, enges Tal auftat. Ich dachte noch: ideal für eine Kontrolle – und schon sah ich oben am Berg die Panzer lauern. Mist, nicht schon wieder! Im Hotel hatte man mir noch erzählt, die Polizei habe gesagt, ich könne die Straße nicht fahren, aber die erzählen ja immer viel. Na ja, ich zückte an der Kontrolle gleich meinen Ausweis, wurde aber sofort zur Seite gewunken und ins kleine Wachhäuschen gebeten. Diesmal erklärten sie mir, dass die Straße endgültig für Ausländer gesperrt sei. Es sollen sich Terroristen in dem Gebiet aufhalten. (Ich glaube nicht wirklich daran, weil mir viele auch das Gegenteil erzählt haben.) An der Situation ändert das nichts: Ich komme hier nicht weiter. Super, den gestrigen Tag bin ich also völlig für die Katz gefahren (Schmidts Katz!!). Ach, ich vergaß zu erzählen: Diesmal gab es keinen Tee, sondern eiskalte Cola! Auch nicht schlecht. Ich bin gespannt, was sie sich das nächste Mal einfallen lassen, um mich zu verwöhnen! Spaß beiseite, ich war schon sehr gefrustet. Als Verlierer fuhr ich die 15 km zurück in die Stadt. Unterwegs quatschten mich noch Kinder an. Ich ging nicht weiter auf sie ein und fuhr einfach weiter – und schon flogen Steine in meine Richtung! Jetzt wusste ich auch, was sie wollten: Geld! Dafür, dass sie das mit der Werferei öfter machen, trafen sie verdammt schlecht! Ein paar böse Worte rief ich zurück, und weg war ich. Ich sollte mir doch mal ein paar türkische Schimpfwörter aneignen, wer weiß, wofür das gut sein kann!
Dann begann die Busodyssee! In kleinen Bussen, die mit bis zu 25 Leuten vollgestopft wurden und das ganze Gepäck – auch mein Fahrrad – auf dem Dach transportierten, ging es von Stadt zu Stadt. Auf der Fahrt nach Batman wurde es brenzlig: Die Bananen und der schwarze Tee zeigten keine Wirkung mehr, und da saß ich nun eingezwängt im Bus. Ich fing an, die Kilometer mitzuzählen – 70, 60, 50 … –, dann endlich Batman. Raus aus dem Bus, schnell ein paar Leute beauftragt, auf meine Sachen aufzupassen, und nichts wie aufs weniger stille Örtchen! (Das war nur durch ein paar Bretter von den Gästen im Restaurant getrennt. Mahlzeit! Aber das musste jetzt raus!) Wie sich herausstellte, hatte ein Friseur auf mein Gepäck aufgepasst. Er lud mich zu mehreren Tee ein und verpasste mir gleich eine Rasur und einen neuen Haarschnitt. So kann’s gehen! Bei der nächsten Kontrolle will ich ja gepflegt aussehen. Er organisierte mir noch einen Bus bis Siirt, und dort bin ich wieder in einem Hotel untergekommen. Zuerst gönnte ich mir eine angenehme Dusche, und????? Richtig! Die Polizei schaute vorbei! Es gab wieder Tee und … Eigentlich kein besonderer Tag, denn vom Land habe ich nicht viel gesehen. Wenn ich morgen wieder vom Klo runterkomme, geht es endlich in die Berge, Richtung Van. Ich hoffe, das Militär und andere Konsorten haben nichts dagegen!
Also bis denn, Bernward
Nachtrag: Das klingt alles sehr gefährlich, ist es aber gar nicht! Ich fühle mich in der Türkei absolut sicher. Diebstahl und andere Verbrechen gibt es fast nicht – und außerdem gibt es hier genügend von den Grünen und andersfarbigen Uniformierten!

9. September: Çatak
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Endlich wieder Fahrrad fahren! Die Landschaft versprach auch sehr schön zu werden. Die Polizei hat übrigens auch etwas Gutes: Außer dem Tee hat sie mich ganz brav aus der Stadt geleitet. Trotzdem habe ich mich gleich zu Beginn verfahren. Nach 15 km fast nur bergauf musste ich feststellen, dass die Straße, die in meiner Karte eingezeichnet ist, nicht mehr existiert. Sch…!!!!!! 30 km für die Katz!!!! Das fängt ja gut an. Ich musste zurück bis zur Stadt, schlug einen neuen Weg ein, und weiter ging es – bergauf natürlich! Langsam kam ich in ein gewaltiges Gebirge, alle Berge zwischen 2000 und 4000 Meter hoch. Für den letzten Anstieg, 700 Höhenmeter, nahm ich dann doch das Angebot eines Kipplasterfahrers an, mich mitzunehmen.
Ob ich dadurch schneller war, weiß ich nicht, denn der Lkw war mit Kies und meinem Fahrrad beladen und kroch entsprechend langsam den Berg hinauf. Bequem war es auf jeden Fall – die Entschädigung für meinen Verfahrer am Morgen. Oben am Pass ließ ich mich absetzen, um mich selbst in die gewaltige Bergwelt hinabzustürzen. Fünf Kilometer vor dem Dorf empfing mich Ersin, ein 25-jähriger Motorradfahrer. Wir freundeten uns gleich an, und er besorgte mir eine gute Unterkunft in einem „Lehrerhaus“. Das Dorf lag so schön in den Bergen, dass ich beschloss, einen Tag zu bleiben.
15. September: Doğubayazıt (Ararat)
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Hallo! Ich habe mich jetzt schon etwas länger nicht mehr gemeldet, und das hatte die verschiedensten Gründe. Ich denke, am besten fahre ich einfach mit meinem Bericht fort!
Das kleine Städtchen Çatak wollte ich mal wieder ohne Frühstück verlassen, aber so weit sollte es nicht kommen! Am Ortsausgang war eine Polizeisperre, und die Polizisten wollten mich unbedingt zum Frühstück einladen. Da sagt man natürlich nicht Nein. Es gab den berühmten Honig aus Çatak, ganz frisch, man konnte sogar noch die Wabenstruktur erkennen! Mhhh!
Mit der Zeit hatte ich in der Region immer wieder beobachtet, dass es dort sehr korrupt zugeht. Die Polizisten können sich überall etwas umsonst nehmen und bezahlen fast nirgends! Und die Kurden werden von Polizei und Militär immer wieder unterdrückt – in Gesprächen habe ich das immer als Unterton herausgehört. Weiter möchte ich mich dazu aber nicht äußern.
Nach diesem ausgiebigen Frühstück auf Kosten der Bevölkerung ging es weiter. Natürlich bergauf! Es folgte ein 2400-Meter-Pass, dann öffnete sich langsam die Bergwelt, und der traumhaft gelegene Vansee kam zum Vorschein. Schön! Ich folgte der Küstenstraße bis Van, einer der größten Städte der Ost-Türkei (280.000 Einwohner), fand ein gutes Hotel und ruhte mich etwas aus. Leider hatte ich irgendwie einen Tiefpunkt erreicht. Als ich am Flughafen vorbeifuhr, spielte ich schon mit dem Gedanken, die Reise abzubrechen. Ich fühlte mich doch etwas einsam. Ich habe zwar viele nette Menschen getroffen, aber nie jemanden, mit dem ich mich ganz normal unterhalten konnte – immer nur mit Händen und Füßen oder in Affenenglisch (mein Englisch ist auch nicht gut, aber es reicht für eine normale Unterhaltung). Seit Beginn meiner Reise hatte ich keinen einzigen Touristen getroffen!! In den Bergen war das auch kein Wunder: An einer Kontrolle sagte mir die Polizei, ich sei der erste Radfahrer, den sie dort je gesehen hätten! Schön, aber auch einsam! Am nächsten Tag besuchte ich die Burg von Van und erkundigte mich nach einer Fährverbindung über den Vansee. Um 16 Uhr sollte die Fähre gehen. Um 15 Uhr war ich schon am Hafen – und trotzdem fünf Minuten zu spät.
Mist! Der Idiot hätte mir doch auch die richtige Zeit sagen können! Ich hatte gerade wieder Kraft für die Weiterfahrt getankt, und dann so was! Na gut, frage ich eben, wann die nächste Fähre geht. Da fängt der Depp an, eine Uhr aufzumalen, und stellt irgendwann fest, dass er sie falsch herum gemalt hat! Ohhh Mann! Nach zehn Minuten wusste ich, dass das nächste Boot um 10 oder 11 Uhr nachts geht. Das hätte mir auch nichts gebracht: Ich wollte ja nicht mit dem Boot fahren, um in Tatvan anzukommen, sondern um etwas von dem schönen See zu sehen. Außerdem ist es ziemlich blöd, um 3 Uhr früh in einer fremden Stadt anzukommen. Also nahm ich schließlich den Bus. Dort zahlte sich meine schlechte Laune sogar aus. Ich buchte einen Platz für mich und mein Fahrrad (das Fahrrad ist in den Bussen immer frei!). Beim Einladen kam der Busbegleiter auf die Idee, mich noch einmal zur Kasse zu bitten. Da hab ich ihm aber was gepfiffen! Erst gab er klein bei, während der Fahrt fing er wieder damit an, aber ich blieb wieder Sieger! Zu guter Letzt verschüttete er noch Cola über meine Hose. Depp!
In Tatvan fand ich ein gutes, billiges Hotel. Und ich hätte nicht gedacht, dass ich das in der Türkei erlebe: REGEN! Und das auch noch bei nur 10 Grad! Brrrr, saukalt! Trotzdem startete ich um 7 Uhr früh in Richtung Nemrut Dağı, einem erloschenen Vulkan. Das Wetter wurde immer schlechter, und die Wolken hingen immer tiefer. Kurz vor dem letzten Dorf, bevor es richtig hinauf zum Vulkan geht, beschloss ich, das Unternehmen abzubrechen. Ich fuhr noch ins Dorf hinein und wurde gleich von zwei kleinen Jungs empfangen. Diesmal fragten sie nicht nach meinem Namen!!!!! Sondern, ob mir kalt sei und ich einen Tee wolle! Sie führten mich zu ihrem Haus, und die Eltern und die anderen Geschwister empfingen mich herzlich. Wie sich herausstellte, übernachten bei ihnen öfter Touristen, und es sei auch für mich kein Problem, die Nacht bei ihnen zu verbringen. Es wurde ein schöner Nachmittag und Abend.
Mehr gibt es heute Abend! Gruß, Bernward
16. September: Doğubayazıt
Hallo! Heute hat für die Kinder endlich die Schule begonnen. Vielleicht treffe ich jetzt nicht mehr so viele Kinder, die nach meinem Namen fragen – oder jetzt erst recht? Ed (ein Neuseeländer, der mit dem Fahrrad die Welt umrundet und den ich in Doğubayazıt getroffen habe) und ich haben uns gleich mal die erste Englischstunde ausgemalt: Der Lehrer kommt herein und sagt: „Heute lernen wir, wie man mit Touristen umgeht. Es ist sehr höflich, Hallo zu sagen und sie gleich nach ihrem Namen zu fragen! Leider verstehen die dummen Touristen das nicht sofort, also müsst ihr eure Frage immer ganz oft wiederholen!!!!!!“ So läuft hier, glaube ich, der Englischunterricht ab. Die nächsten vier Jahre wird dann das am ersten Tag Gelernte ständig wiederholt, damit man die Frage „What’s your name?“ niemals vergisst!
Spaß beiseite – es hatte ja geregnet. Die Nacht verbrachte ich bei der kurdischen Familie, in meinem Raum schliefen noch etwa sechs andere Männer (bzw. Jungs) auf dem Boden. Um 5:30 Uhr stand ich auf und packte die Sachen für den Tagesausflug. Das Wetter versprach gut zu werden, es war zwar noch kalt, aber fast keine Wolke mehr zu sehen. Nach einer halben Stunde ging die Sonne über dem Vansee auf. Ich machte erst mal Pause und frühstückte. Danach fuhr ich weiter bis zum Kraterrand. Der ganze Krater war noch mit Wolken gefüllt, die nur langsam über eine kleinere Einkerbung nach außen quollen. Ein faszinierender Anblick! Es hatte noch keinen Sinn, in den Krater hineinzufahren, also beschloss ich, erst mal auf die höchste Erhebung zu fahren. Ich ließ mein Gepäck zurück und fuhr und schob mein MTB den Berg hinauf – warum ich unbedingt das Radl mitnehmen wollte, weiß ich nicht! Nach anderthalb Stunden erreichte ich den 3000 Meter hohen Gipfel.
Der Blick in den Krater war faszinierend. Die Wolken waren verschwunden, und ich konnte einige Seen und mehrere kleinere Krater sehen. Traumhaft! Es hat sich gelohnt, einen Tag zu warten, und es war auch gut, dass ich das Bike mit hinaufgeschleppt hatte, denn bergab hatte ich einen super Downhill. Ich fuhr noch zu den Seen hinunter und ruhte mich bei einigen Çay (Tee) aus. Leider begann jetzt die Rebellion in meinem Verdauungstrakt von Neuem! Mist! Ich fühlte mich doch ziemlich geschwächt. Langsam fuhr ich zurück und schleppte mich noch in die nächste Stadt in ein Hotel. Über Nacht habe ich mich recht gut erholt und fühlte mich wieder etwas kräftiger, auch wenn der Aufstand nicht nachgelassen hatte. Die Stadt gefiel mir nicht, also brach ich in die nächste auf und nahm dort einen Minibus, um weiterzukommen.
Auf einmal – ich hatte die Hoffnung längst aufgegeben – sah ich aus dem Bus einen Reiseradler! Ich ließ mich an der nächstmöglichen Stelle rauswerfen und wartete auf ihn. Es war Ed aus Neuseeland, der gerade die Welt umrundet. Wir suchten uns zusammen ein Hotel hier in der Stadt und hatten viel Spaß miteinander. Es ist schön, mal wieder vernünftige Gespräche zu führen. Seit einer Woche überlege ich, den Ararat zu besteigen. Jetzt habe ich mich hier im Ort informiert und eine Schweizer Gruppe gefunden, mit der ich den Aufstieg wohl wagen werde. Die Expedition dauert drei Tage: Am ersten Tag geht es hinauf zum ersten Lager auf 3200 Meter, danach zum zweiten Lager auf 4200 Meter, und zuletzt folgen der Gipfelaufstieg und der Abstieg! Warme Kleidung habe ich mir gestern zugelegt. Ich sehe damit aus wie ein Terrorist, aber sie ist warm und war recht billig! Oh, ich freu mich drauf! Morgen geht es los, und am Donnerstagabend bin ich zurück, dann kann ich hoffentlich mehr berichten. So, jetzt muss ich noch viel Geld abheben und etwas zu essen kaufen!
Bis denn, Benni

20. September: Doğubayazıt
Hallo, ich bin zurück von meiner Expedition! Irgendwie logisch, sonst könnte ich die Mail ja kaum schreiben. Vor drei Tagen ging es los. Ein Lkw wurde mit unserem Material beladen, und zuletzt kamen auch wir auf der Ladefläche unter. Nur ich hatte mal wieder einen Sonderstatus: Da ich keine staatliche Genehmigung für den Aufstieg hatte, musste ich illegal an der letzten Militärkontrolle vorbeigeschleust werden. Ein Mann fuhr mich mit seinem Auto ins nächste Dorf, wo ich auf den Lkw wartete. Mit dem ging es dann zu unserem Ausgangspunkt auf fast 2000 Metern. Dort warteten schon die Pferde und ihre Führer. Es ist schon verrückt: Nur damit acht Leute auf den Berg steigen, brauchten wir sechs Pferde, sechs Pferdeführer und drei Guides. Die Schweizer meinten nur, in Nepal oder Afrika sei das alles noch viel schlimmer. Schnell stellte sich heraus, dass ich es in meiner Gruppe nur mit sehr erfahrenen Bergsteigern zu tun hatte – die 5000 Meter hatten alle schon auf diversen Expeditionen überschritten. Nur ich nicht! Der erste Tag verlief ohne Probleme, schon am frühen Nachmittag erreichten wir Lager 1. Die Pferde kamen mit uns an, und schnell wurde eine kleine Zeltstadt errichtet: Küchenzelt, Gemeinschaftszelt und drei Schlafzelte. Da sah man auch wieder, wie blöd so eine Tour ist: Die Pferdeführer schliefen natürlich ohne Zelt im Freien. Wir gaben ihnen noch ein paar Plastikplanen, damit sie sich wenigstens etwas vor dem einsetzenden Nieselregen schützen konnten. Es gab ein leckeres Abendessen, und dann ging es ab ins Zelt! Jetzt spürte ich auf einmal die 3200 Meter. Ich schlief sauschlecht, und dazu war auch noch der Reißverschluss unseres Zeltes kaputt, sodass es sich nicht aufwärmen konnte! Endlich wurde es hell. Der Gipfel war noch in Wolken gehüllt, aber das sagt über das Wetter nichts aus. Die Zeltstadt wurde wieder abgebaut und die Pferde beladen. Auch der weitere Aufstieg war noch kein Problem, ich spürte nur eine leichte Erkältung. Nach vier Stunden erreichten wir Lager 2 auf 4200 Metern. Jetzt spürte ich doch langsam die Erschöpfung, jedes kleinste Wehwehchen fühlte sich um ein Vielfaches stärker an! Wir bauten wieder unsere kleine Zeltstadt auf, allerdings war das Gelände hier nicht mehr wirklich eben: Die Zeltplätze waren wie kleine Terrassen mit Steinmäuerchen in den Hang gebaut. Heringe hielten nicht, deshalb wurden alle Abspannleinen mit schweren Steinen beschwert. Puhhhh! Das hat mich ganz schön geschafft! So ein Zelt in der Höhe aufzubauen ist nicht ohne. Sofort verkroch ich mich im Schlafsack, um mich aufzuwärmen und zu erholen. An Letzteres war nicht mehr zu denken: Die Höhenkrankheit packte mich langsam. Ein irrer Druck im Kopf, dazu Appetitlosigkeit und Schwäche.
Zum Essen zwang ich mich noch einmal aus dem warmen Schlafsack und würgte mehr oder weniger eine Portion Nudeln hinunter. Der Rucksack für den nächsten Tag wurde noch gepackt, und mit einer heißen Wasserflasche ging es zurück ins Zelt. Das Wetter sah schlecht aus, aber hier am Berg kann es sich sehr schnell ändern. Die Nacht wurde noch schlechter als die vorherige, ich schlief so gut wie gar nicht mehr. Eigentlich wollten wir um 3 Uhr nachts mit dem letzten Aufstieg beginnen, um gegen 9 Uhr auf dem Gipfel zu sein. Doch es kam alles anders! Das Wetter hatte sich so verschlechtert, dass gegen Mitternacht ein starker Schneesturm über uns tobte! Die Zelte flatterten nur so im Wind!
(Mist, jetzt ist die Verbindung mal wieder abgebrochen!! Der Bericht war eigentlich schon fertig! Also noch mal!) Auch die Temperatur im Zelt sank langsam unter null Grad. Brrrrrrr! An einen Aufstieg war jetzt nicht mehr zu denken, das ganze Lager war mit Schnee bedeckt, der Wind tobte immer noch, und die Wolken hielten uns fest im Griff. Wir beschlossen abzusteigen. Gegen Mittag hatten wir die Zelte abgebaut, und runter ging es. Mit jedem Meter kam die Kraft zurück, und es wurde wieder wärmer! In der letzten Nacht hatte eins der Pferde nicht überlebt. Es war das Pferd von Facy, und er hatte damit sein gesamtes Kapital verloren. Beim Abstieg sahen wir ihn noch neben seinem toten Pferd sitzen. Er ließ es dann aber doch auf 4000 Metern zurück. Das warf schon einen dunklen Schatten über die Tour.
Das schlechte Wetter war für mich gar nicht so das Problem, denn ich glaube, ich hätte den Gipfel ohnehin nicht erreicht. Jaja, die Höhenkrankheit! Jetzt kann ich es aber aufs Wetter schieben. Am Nachmittag erreichten wir den Lkw, ich fuhr wieder mit bis zum Dorf, und dort wartete mein Fahrer und schleuste mich geschickt durch die Militärkontrolle. Heute zeigt sich der Ararat wieder von seiner schönsten Seite. Viel verändert hat sich nicht, nur der Gipfel ist etwas weißer geworden. Bis morgen erhole ich mich noch hier, dann nehme ich den Bus nach Erzurum, und am Sonntag geht schon der Flieger nach Istanbul. Das ist wohl der letzte Bericht! Vielen Dank für euer Interesse! Ihr könnt euch diesmal glücklich schätzen, dass ich euch keine Karten geschickt habe – sonst hättet ihr auch noch meine Sauklaue entziffern müssen!!!!
In diesem Sinne: Macht’s gut,
Bernward























