Bike Together – Ein Tandemabenteuer

„Jemanden in die Wüste schicken!“ Jetzt weiß ich, was damit gemeint ist. Nach einer Woche in Kairo machte ich mich mit einem Visum für den Sudan, viel Essen und noch mehr Wasser auf in die Westliche Wüste, einen Ausläufer der Sahara. Die erste Oase, die ich erreichen wollte, war Baharia, knapp 400 Kilometer entfernt. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, sie in zwei Tagen zu schaffen – ein recht hochgestecktes Ziel. Zum einen war ich seit fast zwei Wochen nicht mehr Rad gefahren, zum anderen wartete ein völlig neues Terrain auf mich. Aber mit kräftigem Rückenwind könnte es klappen. Am ersten Tag verließ ich Kairo in den frühen Morgenstunden, um dem Verkehr ein wenig zu entgehen. Das gelang recht gut, nur fand ich leider nicht auf Anhieb den richtigen Weg. Die Leute, die ich fragte, schickten mich mit rund 20 Kilometern Umweg in die Wüste. Meine Landkarte half auch nicht viel, denn der Maßstab 1:4 Mio. (1 cm = 40 km) ist nicht zum Navigieren in Städten gemacht.

Sobald ich das Niltal verließ, wurde es absolut trocken und die Landschaft immer grauer. Die Erwartungen an die Wüste wurden zusätzlich dadurch getrübt, dass auf einer Spur der breiten Straße Müll und Schutt abgeladen waren. Vereinzelte Bauten säumten die Straße, und manchmal sah man kleinere Ölfelder, auf denen gearbeitet wurde. Auch der Verkehr hatte noch nichts von einer einsamen Wüstenstraße: Zahlreiche Lastwagen überholten mich laut hupend, aber mit sicherem Abstand. Erst nach rund 100 Kilometern wurden die Ölfelder weniger, und ich war in der Wüste. So weit das Auge reichte, war nichts zu sehen: keine Erhebung, keine Sanddünen, nichts. Nur Schotter und ein wenig Sand. Die Hitze war durch den ständigen Wind erträglich, aber die fünf Liter Wasser, die ich mir pro Tag vorgenommen hatte, waren schon am Nachmittag getrunken. Ein wenig ließ sich der Verbrauch senken, indem ich nur noch durch die Nase atmete und den Mund möglichst selten öffnete. Gegen fünf Uhr war ich nach 160 Kilometern schon sehr müde, baute ein paar Meter neben der Straße mein Zelt auf, kochte eine Nudelsuppe und genoss den Sonnenuntergang. Von meiner Leistung war ich etwas enttäuscht, hatte ich mein Tagesziel von knapp 200 Kilometern doch deutlich verfehlt. Der erhoffte Rückenwind kam zu sehr von der Seite und von vorn. Das bedeutete, dass ich am nächsten Tag über 230 Kilometer fahren müsste, um die Oase zu erreichen. Um sechs Uhr schlief ich schon und versuchte, mich von dem anstrengenden Tag zu erholen.

Western DesertFoto aus Ägypten

In der Nacht wachte ich auf und merkte am Flattern des Zeltes, dass der Wind gedreht hatte. Er blies jetzt genau von hinten. Das war Motivation genug, gegen vier Uhr das Nachtlager abzubauen und mich aufs Fahrrad zu schwingen. Mit ungeahnter Geschwindigkeit schien ich durch die Nacht zu fliegen und machte einige Kilometer gut. Am frühen Mittag erreichte ich die Kante des Plateaus, auf dem ich seit 240 Kilometern unterwegs war. Die Straße führte etwa 50 bis 100 Höhenmeter hinab, und endlich konnte ich mal weiter als ein paar Kilometer blicken. Die Augen hatten auf einmal etwas zum Festhalten: kleine Berge, Sanddünen und die Weite der Landschaft. Es war ein toller Augenblick.

Ein Lastwagen hielt an, der Fahrer öffnete den Wassertank unter seinem Fahrzeug und verpasste mir eine erfrischende Kopfdusche. Noch reichte die Motivation bis zur Oase. Doch irgendwann ließ die Kraft nach, die starke Sonne trug ihren Teil dazu bei, und die letzten Kilometer wurden zur reinen Qual. Krämpfe plagten mich und zwangen mich immer wieder, abzusteigen und ein paar Meter zu schieben. Schließlich erreichte ich nach 11:30 Stunden und 235 km im Sattel im Dunkeln die Oase Baharia. Ich war glücklich, es geschafft zu haben, aber mir wurde auch klar, dass das einfach zu viel war. An so einem Tag hat man kaum einen Blick für die Landschaft, es zählen nur die Kilometer. Das kann nicht mein Ziel sein. Einmal ist das in Ordnung, aber auf diese Art lernt man kein Land kennen.

Den nächsten Tag verbrachte ich nur damit, mich zu erholen und neue Kraft zu tanken. Als ich im Schatten lag, hörte ich, wie sich zwei Ägypter über mein Fahrrad unterhielten. Schließlich kamen sie zu mir und meinten, am Fahrrad sei etwas kaputt. So recht glauben wollte ich ihnen nicht, schließlich hatte ich am Tag zuvor nichts bemerkt. Etwas widerwillig ging ich mit ihnen zum Rad. Einer zeigte mir, dass der Gepäckträger gebrochen war: ein kleiner Bruch an einer Strebe, der einem ungeübten Auge nie aufgefallen wäre – der Mann kannte sich also aus. Er meinte, das sei kein Problem, er arbeite in einer Fahrradwerkstatt und würde es gern reparieren. Mir war das sehr recht, ich war noch ziemlich müde und erschöpft. Der Gepäckträger wurde abmontiert, und Mohammed verschwand damit. Nach zwei Stunden war er zurück und hatte die Alustreben durch selbst geschmiedete Stahlstreben ersetzt. Die zwei Euro für die Reparatur gab ich ihm gern, und dazu ein kräftiges Trinkgeld. Mit einem stabilen Gepäckträger ging es am nächsten Tag weiter Richtung Schwarze und Weiße Wüste.

Foto aus ÄgyptenFoto aus Ägypten

Es wehte immer noch ein starker Rückenwind, und wenn ich kurz anhielt, spürte ich an den Beinen ein leichtes Kribbeln: In Bodennähe trug der Wind den Sand mit sich, und das sorgte für ein leichtes Stechen. Während der Fahrt merkte ich davon nichts, ich sah nur, wie kleine Sandschwaden über die Straße wehten. Mein Blick blieb aber nicht lange auf der Straße, denn zwischen Baharia und Farafra gab es viel mehr zu sehen. Durch den Wechsel von harten und weichen Gesteinsschichten, die einst ein Meer abgelagert hatte, sind einzelne Inselberge mit steil abfallenden Flanken stehen geblieben. Ein bisschen erinnert es an den Grand Canyon. Strecke und Zeit vergingen wie im Flug, und am Nachmittag hatte ich schon die Weiße Wüste erreicht. Hier hat sich eine strahlend weiße Schicht aus Lehm, Kreide und Kalk abgelagert. Der fast immer wehende Wind hat faszinierende Formen herausgeblasen – mit etwas Fantasie erkennt man Windblumen, Pilze und Vögel. Mitten zwischen diesen einzigartigen Gebilden baute ich mein Zelt auf und genoss am Abend das Farbenspiel, das mir die untergehende Sonne und später der aufgehende Vollmond bescherten.

Hat hier bizarre FormenBei Vollmond geniesse ich den Abend

Auch die zweite Oase, Farafra, hat mit der Oasenromantik, die ich mir vorgestellt hatte, wenig gemeinsam. Es ist einfach eine ziemlich sandige Siedlung mitten in der Wüste, in der es auf einmal fast alles gibt. Am Rand findet man noch ein paar Oasengärten, aber vieles ist durch achtlos weggeworfenen Müll verdreckt. Für mich waren die Oasen vor allem wichtig, um meine Vorräte aufzufüllen: Obst, Brot und Wasser nahm ich jedes Mal reichlich mit auf die Etappen in die Wüste.

Der sehr helle, abnehmende Mond tauchte die Wüste nachts in ein helles Licht, und so fuhr ich in den nächsten Tagen immer schon nachts los.

Um 2:30 Uhr klingelte der Wecker, und um drei Uhr saß ich auf dem Fahrrad. Ich hatte nur die Rücklichter eingeschaltet, damit ich nach vorne die Umgebung im Mondschein besser erkennen konnte. Es herrschte eine unglaubliche Stille. Ein Auto kündigte sich schon Minuten vorher an: Erst sah man einen kleinen Lichtpunkt, und nach einiger Zeit hörte man auch das Motorengeräusch. Ich schaltete kurz meine Stirnlampe ein und blendete auf, und der Fahrer des entgegenkommenden Wagens antwortete mit einem kurzen Aufblenden, dass er mich gesehen hatte. Danach herrschte wieder Ruhe. Ich sah einige Sternschnuppen, langsam färbte sich der Himmel rot, und eine halbe Stunde später ging die Sonne auf. Das waren für mich die schönsten Stunden des Tages. In den nächsten Tagen fuhr ich weiter über Dachla nach Charga. Die Strecke wurde weniger schön und der Gegenwind stärker, also beschloss ich, für die letzten 350 Kilometer nach Luxor den Bus zu nehmen. Man hatte mich schon vor diesem Abschnitt gewarnt: absolut langweilig, nur ein paar Polizeikontrollen. So etwas musste ich mir nicht antun.

In Luxor genoss ich das Leben und ließ es ganz langsam angehen. Schließlich brauche ich neue Kräfte für die Wüstenetappen im Sudan, wo mich wohl keine asphaltierte Straße erwartet.

White DesertDakler Oase

Fotos aus Ägypten

Talaat HarbTalaat HarbÄgyptenOld TownÄgyptenÄgyptenÄgyptenMarktSchuh MarktMarktWir trinken B ColaEine Stadt auf dem Friedhof

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