Eine Fahrradreise wie meine lebt vor allem von Begegnungen. Und auch wenn es nicht immer die sind, die ich mir wünsche, gehören sie doch dazu und prägen meine Reise.
Im Projekt „Godanaw“ in Addis Abeba traf ich Michael, der dort im Büro arbeitet. Als ich ihm von Bike Together erzählte, war er sofort Feuer und Flamme und wollte mich ein paar Tage bis nach Awasa begleiten. Drei Tage später starteten wir zusammen ins Fahrradabenteuer. Die Leute, denen wir begegneten, staunten immer sehr: ein Schwarzer und ein Weißer zusammen auf einem Fahrrad – das hatten sie noch nie gesehen. Michael gewöhnte sich schnell an das Tandem, und so fuhren wir fast jeden Tag 100 Kilometer. Am zweiten Tag erreichten wir den viel gerühmten Lake Langano. Ich erwähne ihn, weil er einer der wenigen Seen in Afrika ist, in denen man schwimmen kann, und viele Äthiopier ihn für den schönsten Ort ihres Landes, wenn nicht der ganzen Welt halten. Er liegt im Rift Valley, und wegen des hohen Fluorid- und Mineralgehalts gibt es dort keine Bilharziose. Mir bereitete es allerdings wenig Vergnügen, mich in der trüben, schmierigen Brühe zu räkeln – aber eine Abkühlung war es trotzdem. Am Abend schwärmte mir ein Äthiopier bei einem Glas Whiskey vor, dass dieser Ort mit seinem schwarz glänzenden Strand und dem goldenen, für die Haut so wohltuenden Wasser nur von Gott geschaffen sein könne. Ich fand es faszinierend, wie unterschiedlich man ein und denselben Ort beschreiben kann. Er wollte mir auch nicht glauben, dass es ein paar – wirklich nur ganz wenige – ein kleines bisschen schönere Strände auf dieser Welt gibt.


Am dritten Tag erreichten wir mit viel Rückenwind Awasa am gleichnamigen See, und Michael fuhr mit dem Bus zurück nach Addis. Ich traf dort Familie Schmidtke, eine deutsche Familie, die in Awasa für die Helimission arbeitet. Mit dem einzigen zivilen Hubschrauber des Landes erreichen sie die entlegenen Gebiete Äthiopiens. Ich durfte in ihrem Garten mein Zelt aufschlagen und genoss die ersten Tage direkt am See. Von dort konnte ich Nilpferden zusehen, die sich im Wasser suhlten, Schreiseeadlern bei der Fischjagd, Eisvögeln, die rüttelnd in der Luft standen, sich blitzschnell hinabstürzten und mit einem Fisch im Schnabel wieder auftauchten, und Affen, die durch die Bäume tobten. Interessant war es für mich auch zu sehen, wie eine deutsche Familie in Afrika lebt und mit welchen Problemen sie zu kämpfen hat. Die beiden Jungs werden von der Mutter zu Hause unterrichtet. Da stellen sich Fragen wie: Welches Abitur wird anerkannt, welche Ausbildung ist finanzierbar, und wie geht es weiter?
In den folgenden Tagen konnte ich mich ein wenig nützlich machen und beim Entladen eines Containers helfen, in dem ein Hangar für den Hubschrauber steckte. Mit einem Gabelstapler und viel Manpower schafften wir es schließlich, die schweren Stahlträger abzuladen. So schön die Zeit auch war – auf Reisen heißt es immer wieder Abschied nehmen, und ich wollte ja noch weiter in Richtung Bale Mountains.


Ich wusste noch nicht, was mich erwartet, nur dass die Straße nicht die beste sein würde und ich einen 3600 Meter hohen Pass vor mir hatte. Doch sobald ich die Asphaltstraße verließ, verwandelten sich die meisten Leute in aggressive, um alles bettelnde „Bestien“. Die Kinder waren noch schlimmer und bewarfen mich mit Steinen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Es war teilweise die Hölle: ständig von Kindern umringt, die neben einem herrennen, Steine werfen und versuchen, alles vom Fahrrad zu stehlen, was sie kriegen können. Vor allem Wasserflaschen waren heiß begehrt. In einem Ort jagten mich fast alle Bewohner, Steine flogen, und zwei Kinder packten meine Taschen und zogen so heftig daran, dass ich nur knapp einem Sturz entging. Als ich anhielt, fand ich mich auf dem Boden wieder, mit einem großen Stein in der Hand, und wollte ihn einfach nur in die Menge werfen – es würde schon den Richtigen treffen. Dann wurde mir klar, was ich da vorhatte, und ich erschrak über mich selbst. Wohin hatten mich diese Leute nur getrieben? Die Kinder waren etwas zurückgewichen, und ich nutzte die Gelegenheit, schnell zu verschwinden. Da tauchte neben mir ein Äthiopier auf seinem Fahrrad auf und meinte: „I’m a poor student, give me money!“ Ich glaub, ich pack’s nicht! Das ganze Dorf ist hinter mir her, und du willst auch noch Geld? Er bekam von mir ein wütendes „Halt’s Maul!“ zu hören und ließ von mir ab. Danach kam ich an einer Brücke vorbei, an der Arbeiter gerade Steine mit Hämmern bearbeiteten. Ich dachte nur sarkastisch: „Ahhh, hier werden die Steine also zu handlichen Wurfgeschossen verarbeitet! Da muss man nicht die leicht abgerundeten von der Piste nehmen, sondern bekommt welche mit schön scharfen Kanten und Ecken!“ Natürlich bettelten mich auch die Arbeiter an, aber die Steine blieben, wo sie waren. An so einem Tag bin ich kurz davor, jeden nur noch anzuschreien und zu verfluchen. Am Abend war ich froh, ein Hotel zu erreichen, einfach die Tür zu schließen und niemanden mehr zu sehen.


Andererseits hatte ich in Äthiopien eine tolle Zeit und habe die Lebensart der Äthiopier sehr genossen. Aber an manchen Fahrradtagen machen einem die Steinewerfer das Leben so schwer, dass man keine Freude mehr daran hat, dieses Land zu bereisen. Himmel und Hölle liegen hier manchmal dicht beieinander. Viele Radfahrer sind froh, wenn sie das Land verlassen und nie wiederkommen müssen. Wenn ich wiederkomme, dann ganz sicher ohne mein Fahrrad.














