Bike Together – Ein Tandemabenteuer

Windhoek war für mich der absolute Kulturschock. In der Stadt gibt es Einkaufspassagen, Fußgängerzonen, Cafés und vieles mehr – all das, was für uns Europäer ganz normal ist, für Afrika aber sehr ungewöhnlich. Nirgends in Afrika hatte ich bisher so viele Weiße gesehen wie hier, und die meisten sprachen auch noch Deutsch. Hier gibt es die „Luisen-Apotheke“, das „Gasthaus zum Wirt“, als „Tagesessen Schnitzel mit Bratkartoffeln“, und das Bier wird nach dem Reinheitsgebot gebraut. Vieles ist ähnlich wie in Deutschland und doch ganz anders. Spätestens als ich mich mit Hans auf einer Schotterpiste auf den Weg zur Küste machte, wurden mir die Unterschiede bewusst. Namibia ist sehr dünn besiedelt: In dem Land, das um ein Vielfaches größer ist als Deutschland, leben gerade mal zwei Millionen Menschen. So kamen wir pro Tag nur an wenigen Häusern vorbei, von Städten oder Dörfern ganz zu schweigen. Auf den Ort Solitaire zum Beispiel weisen schon Hunderte Kilometer vorher Schilder hin. Dort angekommen, findet man eine Tankstelle, eine Lodge, einen Campingplatz und einen kleinen Laden mit Dosenwaren. Für uns waren diese Stopps sehr willkommen, denn so konnten wir alle zwei bis drei Tage unsere Vorräte mit neuen Dosen und Nudeln auffüllen – aber ein Dorf ist das kaum. Auch die Farmen haben hier ganz andere Dimensionen. Es ist keine Seltenheit, dass sie größer als 10.000 Hektar sind. Eine Farm hieß Lichtenstein, und vermutlich ist sie größer als das gleichnamige Land in Europa. Weil es so trocken ist, lässt sich das Land aber nicht intensiv nutzen: Auf 24.000 Hektar stehen gerade mal 1000 Rinder. Oder die Farm ist eine reine Jagdfarm, auf der Touristen Wild schießen und die begehrten Trophäen von Oryx, Kudu, Leopard … mit nach Hause nehmen können.

Der Farmer Christian lässt uns auf seinem Grund zeltenNaukluft Schlucht

Von den Pisten hatte ich vorher nur Gutes gehört: Sie seien gut gepflegt und würden ständig gewartet. Das mag stimmen, aber deswegen ist der Belag noch lange nicht ideal zum Radfahren. Der Zustand kann sich schnell ändern. Eine Piste kann sich innerhalb weniger Tage von sehr gut fahrbar in unradelbar verwandeln, wenn zu viele Touristen mit ihren Geländewagen darüberbrettern und ein einziges Waschbrett daraus machen. Es gibt aber auch Abschnitte, die sich wie eine Asphaltstraße fahren. Eines stimmt aber fast immer: Vertraue keinem Autofahrer – er schätzt die Qualität der Piste immer falsch ein. Auch bei den Entfernungen verschätzt er sich regelmäßig. Ein „Namibia-Kilometer“ kann schon mal zehn „Europa-Kilometern“ entsprechen.

Foto aus NamibiaFoto aus Namibia

Unter diesen Voraussetzungen stopften wir unsere Taschen mit Lebensmitteln für mehrere Tage voll und wussten nie genau, wie weit wir jeden Tag kommen würden. Doch das Radfahren lief recht problemlos. Täglich überholten uns zahlreiche Touristenbusse und Jeeps, die oft anhielten und uns mit allen möglichen Leckereien versorgten – von Austern über griechischen Salat bis zu Sportgetränken. Es war einfach schön, durch die weite Landschaft Namibias zu radeln. Nach einer Woche erreichten wir die Küste. Hier hat Deutschland noch mehr Spuren hinterlassen: In Swakopmund läuft alles so geordnet ab, dass die Stadt auch an der Nordsee liegen könnte. Wir legten dort ein paar Ruhetage ein und nutzten die Zeit zum Sandboarden, Fischessen und Robbenschauen. Für den Rückweg wählten wir die Piste C28. An dieser Stelle muss ich andere Radfahrer warnen: „Fahrt sie nicht!“ Die ersten 180 Kilometer waren gut fahrbar, nur der Gegenwind und die stetig ansteigende Piste machten müde. Doch was danach kam, macht keinen Spaß mehr. Der Bosua-Pass ist an Steilheit kaum zu übertreffen. An Fahren ist überhaupt nicht zu denken, man hat schon beim Schieben Mühe, das Fahrrad zu halten. Und wer glaubt, mit dem Pass das Gröbste geschafft zu haben, täuscht sich: Es geht ständig steil bergauf und bergab. An diesem Tag schafften wir in acht Stunden gerade einmal 60 Kilometer. Erst 30 Kilometer vor Windhoek beginnt eine schöne Asphaltstraße, und man kann die Schlussabfahrt in die Stadt genießen.

Köcherbaum in der NamibFoto aus Namibia

Nach zwei Wochen auf dem Tandem verabschiede ich mich von Hans, und noch am selben Tag kommt Steven aus London. Wir hatten uns vor vier Jahren in Asien kennengelernt und sind anderthalb Monate zusammen durch Tibet gefahren. Jetzt geht es gemeinsam nach Südafrika.

Fotos aus Namibia

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