„Welcome! Hello, how are you?“ – „Tamam!“ – „Where are you from?“ – „Ana almani!“ – „Ahh, Germany! Germany number one!“ So oder so ähnlich läuft eine normale Begrüßung im Jemen ab. Wir Deutschen haben bei den Jemeniten einen sehr guten Stand. Nicht wegen des Fußballs, von dem sie nur mäßig Ahnung haben, sondern vor allem wegen der Entwicklungshilfe, die Deutschland seit Jahrzehnten in diesem Land leistet. Immer wieder werde ich darauf angesprochen, dass das Frisch- und Abwassersystem im Ort aus Deutschland stammt, die Straße von Deutschen finanziert oder die Schule mit deutschem Geld gebaut wurde. Es ist schön zu sehen, dass daraus eine große Sympathie für Deutschland entstanden ist – und nicht wegen der Weltkriege, wie es in anderen Ländern manchmal der Fall ist.
Aus dem Sudan war ich in die Hafenstadt Aden im Südjemen geflogen. In zwei Wochen wollte ich „gemütlich“ bis nach Sana’a radeln, denn dort wollte mich meine Freundin Astrid über Weihnachten und Silvester besuchen.


Es war schön zu wissen, dass ich mir für die 640 Kilometer Zeit lassen konnte. So machte ich auch den einen oder anderen Abstecher und blieb an Orten, die mir gefielen, einfach einen Tag länger.
In Aden gab es neben Sightseeing auch Behördliches zu erledigen. Für die geplante Strecke brauchte ich ein Permit der Touristenpolizei, und im deutschen Konsulat holte ich mir Informationen zur Sicherheitslage. Ich war richtig verwundert, wie schnell ich das Permit in den Händen hielt: Ich musste nur in ein Büro, wo mich ein freundlicher Mann begrüßte, trug ihm mein Anliegen vor, und wenige Minuten später hatte ich das Papier. Ich musste nicht einmal etwas dafür bezahlen.
Die ersten 50 Kilometer von Aden nach Norden sind nicht gerade spektakulär. Trotzdem passierte etwas Unerwartetes – in Deutschland hätte ich vielleicht damit gerechnet, aber nicht im Jemen. In einer Stadt versucht mich ein Autofahrer zum Anhalten zu bewegen. Das passiert hier sehr oft, also grüße ich nur freundlich und fahre weiter. Es ist unmöglich, bei jedem anzuhalten, der einen dazu auffordert. Als ich schon fast aus der Stadt heraus bin, überholt mich der Autofahrer laut hupend und reicht mir eine eiskalte Dose Heineken aus dem Fenster – mit Alkohol! Ich bin etwas ratlos, ich dachte doch, Alkohol sei in der Öffentlichkeit verboten. Schnell verstecke ich die Dose in der Hosentasche, und als ich mich bedanken will, ist das Auto schon weg. Ich fahre aus der Stadt hinaus und überlege, wann ich das Bier trinken soll. Die Entscheidung fällt mir leicht: Kälter und besser wird es nicht mehr. Also halte ich am Straßenrand und genieße an Ort und Stelle den Gerstensaft.
Die Begeisterung und Bewunderung der Menschen für mich als Radfahrer ist riesig. Sobald ich an einem kleinen Laden oder Restaurant halte, umringen mich viele Kinder und Erwachsene und löchern mich mit Fragen – leider meist auf Arabisch, und so fällt es mir schwer, allen richtig zu antworten. Nach fast drei Monaten in arabischen Ländern verstehe ich zwar einzelne Wörter und Sätze, aber von einem Gespräch bin ich noch weit entfernt.


Der Jemen ist ein sehr bergiges Land. Viele Berge sind über 3000 Meter hoch, und Sana’a liegt im Landesinneren auf einer über 2000 Meter hohen Hochebene. Vom Meer bis Sana’a geht es also beständig bergauf, und der eine oder andere steile Pass will erklommen werden. In Taiz beschließe ich außerdem, an meinem „Ruhetag“ auf den 3006 Meter hohen Dschebel Sabir zu radeln. Schon in der Stadt ist die Straße teilweise extrem steil, und ich hoffe, dass es flacher wird, sobald ich die Häuser hinter mir lasse. Leider war das nicht der Fall. Mit durchschnittlich 9 Prozent Steigung schlängelt sich die Straße über 20 Kilometer bis zum Gipfel. Die faszinierenden Ausblicke auf die Ackerterrassen und die tief im Tal liegende Großstadt Taiz entschädigen aber für die Mühen. Nach drei Stunden erreiche ich die Militärbasis auf dem Gipfel, und die freundlichen Soldaten, die dort stationiert sind, laden mich zu einem Festessen ein.
Am nächsten Tag fahre ich mit Gepäck weiter in den kleinen, idyllischen Ort Dschibla. Der Ort hat eine faszinierende Ausstrahlung. Morgens auf dem kleinen Markt in der Altstadt scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. In den engen Gassen wird um Schafe und Ziegen gefeilscht, in kleinen Läden Gemüse verkauft, und die Hühner fürs Mittagessen werden an Ort und Stelle geschlachtet und zubereitet. Am Nachmittag wird in den Gassen nur noch Qat gehandelt und gekaut. Qat ist der Whisky des Jemen. Man kaut die Blätter der Pflanze und schiebt sie dann in die Backe. Das Kauen soll entspannen und wach halten. Fast 80 Prozent der Jemeniten sind der Droge verfallen und kauen fast täglich ab dem frühen Nachmittag. Qat ist ein großes Laster für das Land: Verschiedenen Studien zufolge gehen der Volkswirtschaft dadurch täglich an die 14 Millionen Arbeitsstunden verloren. Denn nicht nur der Nachmittag geht beim Kauen verloren, sondern auch der Morgen, da die Jemeniten wegen der aufputschenden Wirkung erst sehr spät einschlafen und morgens nicht aus dem Bett kommen. Außerdem fließen über 50 Prozent des in den Wintermonaten sehr knappen Wassers in die Qat-Plantagen, und im Schnitt geben die Jemeniten über 20 Prozent ihres Einkommens für die Droge aus. In den Wintermonaten kann eine Ration je nach Qualität schon mal bis zu 6 Euro kosten. Das wohl Einzige, was für Qat spricht: Weil er eine gute Einnahmequelle ist, bleiben viele Menschen auf dem Land.


Ab dem Nachmittag darf man von Qat kauenden Männern nicht mehr allzu viel erwarten. Jede zusätzliche Arbeit wird als Last empfunden, und verstehen kann man die Männer mit der dicken Backe kaum noch. Es ist aber auch wirklich schwierig, mit einem tennisballgroßen Blätterklumpen in der Backe verständliche Worte herauszubringen.
Ich selbst habe Qat auf einer Hochzeit in der Nähe von Yarim probiert. Als ich an einem großen Zelt vorbeifuhr, luden mich einige Männer freundlich zum Essen und zur Hochzeit ein. Hochzeiten im Jemen unterscheiden sich von deutschen vor allem darin, dass die Männer an einem Ort feiern und die Frauen an einem anderen. Zuerst wurde gegessen, danach wurden Bündel mit Qat und Wasserflaschen im Zelt verteilt. So saß ich in einer Ecke, stopfte mir den Mund mit Grünzeug voll, rauchte und trank Wasser. Immer wieder musste ich den Platz wechseln und mich zu anderen Gästen setzen, die ein paar Worte mit mir wechseln wollten. Die Zigaretten zeigten Wirkung, vom Qat spürte ich nichts – außer dass ich eine dicke Backe bekam. Es war eine sehr nette Atmosphäre, die immer wieder von Maschinengewehrsalven unterbrochen wurde: Fast jeder Neuankömmling schoss mit seinem Gewehr in die Luft, bevor er das Zelt betrat. Gegen 17 Uhr zählte ich 40 Männer, 40 Dschambia-Krummdolche, 20 Maschinengewehre und etwa 10 Luftgewehre. Mit Einbruch der Dunkelheit schaute die Polizei vorbei und prüfte meine Papiere. Irgendetwas schien nicht zu stimmen, die Menge um die Polizisten wurde immer größer, und schließlich sagten sie mir, ich müsse die Hochzeit verlassen und ihnen in die nächste Stadt folgen. Der Grund: Hier könnten sie nicht für meine Sicherheit garantieren. Alles Diskutieren half nichts, und um die Menge nicht weiter in Aufruhr zu bringen, fügte ich mich. Man muss schließlich bedenken, dass fast alle Männer schwer bewaffnet waren. Schade war es trotzdem, denn wenig später hätten Musik und Tanz begonnen.
Am nächsten Tag fuhr ich die restlichen Kilometer bis Sana’a und wartete dort auf Astrid, um mit ihr Weihnachten und Silvester zu verbringen.














