Bike Together – Ein Tandemabenteuer

Mit gemischten Gefühlen kam ich an die äthiopische Grenze. Ich hatte vorher viele Geschichten anderer Reisender über dieses Land gehört. Die einen lieben es, die anderen hassen es und werden schon aggressiv, wenn sie nur an Äthiopien denken – sie wurden immer wieder belästigt, vor allem von Kindern, und teilweise auch mit Steinen beworfen. Ich machte mich auf das Schlimmste gefasst und war froh, die ersten Tage in dem neuen Land zusammen mit Kenny, dem Kanadier, zu fahren.

Das Erste, was ich in Äthiopien sah, waren keine Kinder, die mit Steinen bewaffnet am Wegesrand standen, und auch kein Schild „Welcome to Ethiopia“ – nein, es war eine große Reklametafel für St.-George-Bier. Oh ja, Bier! Nach dem alkoholfreien Sudan und Jemen freute ich mich schon sehr darauf, am Abend mal wieder ein gutes Bier zu trinken. Die Vorfreude war Motivation genug, um von einem Salzsee aus die erste Anhöhe zu erklimmen. Immer wieder hielten wir an, um die Ausblicke auf diese bizarre Landschaft zu genießen. Gegen Abend hatten wir es geschafft und erreichten den ersten Ort in Äthiopien. Das Bier schmeckte vorzüglich. Das lag sicher an der Qualität des Gerstensafts, aber auch an den bis dahin überwiegend positiven Eindrücken. Bis jetzt war das Land nur dünn besiedelt, und wir radelten in Ruhe vor uns hin. Nur selten kamen ein paar Kinder angerannt, begrüßten uns freudig mit „YOU, YOU, YOU!“ und fragten nach Stiften, Geld oder was sonst gerade gebraucht wurde. Schon am nächsten Tag nahm das Begrüßen, Bitten und Betteln deutlich zu, aber die Menschen blieben freundlich. Mit der Zeit nimmt man das Ganze mit viel Humor. So verwies ich gern auf imaginäre Radfahrer mit dicken Geldbeuteln, die nach mir kommen würden. Auch den Weihnachtsmann spielten wir gern. Leider war Weihnachten schon vorbei, und Muslime glauben nicht daran – also Pech gehabt. Das klingt vielleicht ein bisschen hart oder arrogant, aber wenn man von früh bis spät nach Geld gefragt wird, braucht man solche Späße, sonst dreht man durch. Oft gelang es uns aber, die Kinder mit einem Lied oder ein paar Späßen abzulenken, und wir hatten viel Freude zusammen. An manchen Anstiegen rannten die Kinder mehrere Kilometer neben uns her. Nicht umsonst ist Äthiopien das Land der Läufer.

Foto aus ÄthiopienBlick auf Salzsee

Mit der ersten Gebirgskette, deren Berge weit über 3000 Meter hoch sind, änderte sich die Landschaft von verbranntem Braun zu sattem Grün. Hier war deutlich zu sehen, dass die feuchten Luftmassen vom Meer an diesen Bergen zum ersten Mal hängen bleiben. An den Hängen sind viele Feldterrassen angelegt, die die Menschen mühsam mit Pflug und Ochsen bestellen. Ein wenig erinnert die Landschaft an den Jemen, nur sind die Terrassen hier einfacher gebaut.

Eine ganz normale OrtsdurchfahrtFoto aus Äthiopien

In Kombolcha erreichten wir wieder die asphaltierte Hauptstraße und beschlossen, Fahrräder und Gepäck in einem Hotel zu lassen und mit dem Bus zu den Felsenkirchen von Lalibela zu fahren. Einen ganzen Tag waren wir auf einer schlechten Piste unterwegs, um die nur 250 Kilometer entfernten Kirchen zu erreichen. Von Weitem sahen wir nichts Auffälliges. Erst als ich bis auf wenige Schritte herangekommen war, konnte ich sie erkennen: Die Bauwerke stehen in tiefen Gruben. Sie wurden nicht, wie man es kennt, in die Höhe gebaut – man hat mit dem Dach angefangen und sich langsam in den Untergrund gegraben. So wurden riesige Steinblöcke freigelegt und anschließend ausgehöhlt. Leider haben Wind und Wetter inzwischen ihre Spuren hinterlassen und die oberen Stockwerke stark erodiert. Deshalb haben die Italiener begonnen, das UNESCO-Weltkulturerbe mit großen Dachkonstruktionen zu schützen. Dadurch geht zwar das ganz besondere Flair dieser rund 600 Jahre alten Kirchen verloren, aber es scheint die einzige Möglichkeit zu sein, sie für die Nachwelt zu erhalten.

St Georg KircheFoto aus Äthiopien

Von hier aus gingen Kenny und ich getrennte Wege. Kenny wollte noch etwas länger bleiben – wer ohne jeden Zeitplan unterwegs ist, rastet auch gern mal länger. Also machte ich mich allein auf den Weg nach Addis Abeba. Am zweiten Tag ging es von 1000 Metern hinauf zu einem 3250 Meter hohen Pass. Ich weiß nicht, was an dem Tag mit mir los war, aber ich hatte keine Kraft. Mit zahlreichen Pausen quälte ich mich die steile Straße hinauf. In einem kleinen Dorf war ich wieder von vielen Kindern umringt, die mich begleiten wollten. Vor Erschöpfung hatte ich keine Lust auf Gespräche oder sonstige Gesellschaft. Aber es half nichts, ich wurde sie nicht los. Ein Junge meinte, er radle auch in den nächsten, 15 Kilometer entfernten Ort. Zuerst freute ich mich nicht besonders darüber. Das änderte sich allerdings, als er merkte, dass ich am Ende meiner Kräfte war, und anfing, alle Kinder, die an die Straße gerannt kamen, dazu zu bringen, mich anzuschieben. So hatten die Kinder gar keine Gelegenheit mehr, nach Geld oder anderen Dingen zu fragen – sie mussten ja schieben. Immer wieder feuerte er sie an: „Puusch, puusch!!!“ Es war eine große Erleichterung, aber trotzdem anstrengend für mich. Er selbst radelte auch immer wieder ein paar Meter voraus, stellte sein Fahrrad ab, lief zu mir zurück und schob mich ein Stück an. Drei Stunden später erreichte ich völlig erschöpft den nächsten größeren Ort und nahm ein Zimmer im ersten Hotel. Zur Belohnung lud ich den Jungen zum Abendessen ein. Er ließ sich das Nationalgericht Tibs – in Butter gebratene Fleischstückchen mit Injera, dem großen, leicht säuerlichen Fladen – kräftig schmecken. Ich dagegen hatte Mühe, ein paar Bissen hinunterzubringen, so ausgelaugt war ich. Erst am nächsten Morgen hatte ich wieder Appetit und stärkte mich mit Nudeln.

Was mit mir los war, weiß ich nicht. Im Jemen war ich steilere und längere Pässe problemlos hinaufgefahren. Vielleicht hatte ich zu wenig gegessen und einfach noch einen schlechten Tag erwischt. Am nächsten Tag fuhr ich den Rest des Passes hinauf und füllte an fast jedem Restaurant am Wegesrand meine Reserven auf. Meine alte Kraft war noch lange nicht wieder da, aber langsam kam ich doch ans Ziel.

Nach einem weiteren langen Tag auf der Straße erreichte ich Addis Abeba und besuchte dort das erste Projekt von Misereor.

Ich beschloss auch, meine weiteren Reisepläne zu ändern. Die Lage in Kenia ist zurzeit einfach zu unübersichtlich, und gerade im Nordwesten des Landes herrschen teilweise chaotische Zustände. Nach einem Abstecher in den Süden Äthiopiens werde ich deshalb nach Addis zurückkehren, im German House noch einen Vortrag über meine Reise halten, dann nach Entebbe in Uganda fliegen und von dort aus meine Reise wie geplant fortsetzen.

Foto aus ÄthiopienNicht alle Kinder sind mir gut gesinnt. Oft werden viele Steine hinter mir hergeworfen

Fotos aus Äthiopien

Welcome to ethiopia ES GIBT BIERAnstieg vom Salzsee hinaufBlick auf SalzseeAfra FrauNa was sind das für VoegelBike-togehterBike-togehterBike-togehterMit viel Musik und Tanz wird ein christliches Fest gefeiertEine ganz normale OrtsdurchfahrtBike-togehterNach einigen tagen in der Wüste erreiche ich die Berge

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