Nur noch wenige Kilometer, dann habe ich mein erstes Etappenziel in Deutschland erreicht: Berlin. Auf holprigem Kopfsteinpflaster radle ich durch die zahlreichen Vororte Berlins meinem ersten Ruhetag entgegen. Obwohl ich erst seit sechs Tagen unterwegs bin, habe ich schon die unterschiedlichsten Landschaften durchquert, die verschiedensten Reaktionen erlebt, eine Vielfalt an Dialekten gehört und die Gastfreundschaft der Menschen erfahren.
Noch vor zehn Tagen befand ich mich in Erlangen in einer ganz anderen Welt. Die Tage waren bestimmt von Wohnungsauflösung, medizinischen Vorkehrungen, Presseterminen und den letzten organisatorischen Vorbereitungen. Wenn mich jemand fragte, ob ich mich auf die Reise freue, wurde ich immer nachdenklich. Ich sah, welche Arbeit noch zu bewältigen war, hatte Angst, etwas Wichtiges zu vergessen, und konnte mir noch überhaupt nicht vorstellen, ein Jahr lang jeden Tag auf dem Fahrrad zu sitzen, um die Welt zu erkunden. Ich hatte und habe immer noch Respekt vor dem Projekt, sehnte aber den Moment herbei, an dem es nach zwei Jahren Vorbereitung endlich losgeht. Zu meiner inneren Unruhe kamen die vielen Abschiede von Familie und Freunden – in dem Bewusstsein, sie ein Jahr lang nicht zu sehen.
Doch dann ging alles ganz schnell: Am Abend vorher wurden bis in die Nacht die Taschen gepackt, schnell noch ein letztes Bierchen mit Freunden im Steinbach-Bräu getrunken, dann eine kurze, unruhige Nacht – und schon stand ich am Startpunkt meiner Reise, vor den Geschäften Avalanche und Freilauf in der Erlanger Fußgängerzone. Schnell waren wir von interessierten Passanten umringt, die Presse wollte die letzten Interviews, ich hielt eine kurze Ansprache, die Bürgermeisterin und der Bürgermeister wünschten mir eine gute Reise, und nach dem Segen meines Vaters ging es unter großem Applaus los.


Ziel von „Bike Together“ ist es, immer wieder Mitfahrer zu finden und gemeinsam Fahrrad zu fahren. Am ersten Tag waren es sogar 14 Radler, die mich auf den ersten Kilometern begleiteten. Als bunt gemischte Truppe im Alter von vier bis 66 Jahren hatten wir viel Spaß zusammen und genossen eine gemütliche Radtour in die Fränkische Schweiz mit dem Ziel Plankenfels. In einer Gegend mit der größten Brauereidichte der Welt (auf 600 Einwohner kommt eine Brauerei) gab es einige Einkehrmöglichkeiten. Ein besonderes Highlight war das Kathi-Bräu in Heckenhof. Dort überzeugte nicht nur die Qualität des sehr dunklen Bieres, sondern auch der Preis: 1,70 € für die Halbe.


Nach einem gemütlichen Grillabend im Hostel „Factory41“ verabschiedeten sich am nächsten Tag die meisten Mitfahrer. Zusammen mit meiner Freundin Astrid ging es bei immer noch perfektem Sommerwetter die nächsten zwei Tage durch den Franken- und den Thüringer Wald bis nach Saalfeld. Hier verließ mich Astrid, die am nächsten Tag wieder arbeiten musste. Zum ersten Mal kam nun meine Spezialkonstruktion zum Einsatz: Das Liegetandem lässt sich um ca. 40 cm zusammenschieben. Damit wird das Fahrrad übersichtlicher und wendiger und fährt sich wie ein „normales“ Liegerad. Leichter wurde es dadurch aber nicht. Die Strecke der nächsten beiden Tage war recht wellig, und so musste ich die 30 Kilo Rad und noch mal ca. 25 Kilo Gepäck immer wieder steile Anstiege hinaufwuchten.


Nach sechs Tagen und 640 Kilometern im Sattel (bzw. im „Fernsehsessel“, wie die Presse immer gern schreibt) spüre ich nun doch die Anstrengung in den Beinen. Die Muskeln sind müde und freuen sich auf eine Pause. Während ich auf dem Kopfsteinpflaster der Hauptstadt entgegenholpere, kommen mir einige Begegnungen und Reaktionen wieder in Erinnerung:
In einem Ort fragte ich zwei ältere Damen nach dem besten Weg nach Wildenhain. Sie diskutierten eine Zeit lang miteinander, bevor sie mir sagten: „Nach Wildenhain gibt es viele Wege. Das Problem ist nur: Sie kennen ja keinen davon …“
In der Nähe von Luckenwalde durfte ich im Vorgarten eines älteren Ehepaars zelten. Ohne dass ich danach gefragt hätte, brachten sie mir einen wärmenden Gute-Nacht-Tee und am nächsten Morgen Kaffee und Brötchen ans Zelt.
Ein besonders ungewöhnlicher Kommentar zum Liegerad kam von einem rüstigen alten Mütterchen: „Oh, das ist ja niedlich!“ (Anm. d. Red.: Das Tandem ist ca. 2,50 Meter lang, 60 Kilogramm schwer und war zu diesem Zeitpunkt voll beladen!)














