Von Lusaka ging es weiter in den Westen Sambias. Die Fußball-Europameisterschaft rückte näher und bestimmte in den folgenden Wochen auch meine Routenplanung: Ich achtete darauf, zu den Deutschlandspielen immer in größeren Orten zu sein, um die Übertragungen verfolgen zu können. Beim Eröffnungsspiel traf ich in einer Hotelanlage in Kafue einen Deutschen, der sich dort mit seiner sambischen Frau zur Ruhe gesetzt hat. Das Spiel geriet in den Hintergrund, es gab einfach zu viel zu erzählen. Er hatte als Ingenieur auf fast allen Kontinenten gearbeitet und kannte die besten Tricks: wie man Alkohol in den Iran schmuggelt, wie man seine Rente mit kleinen Geschäften in Sambia aufbessert und wie man Taxifahrer vom korrekten Fahrpreis überzeugt. Nicht alle Ratschläge sollte man befolgen, aber den Trick mit dem Gin in Konservendosen, auf denen eigentlich Erbsensuppe mit Schweinefleisch steht – samt großem Schweinekopf auf dem Etikett –, sollte man sich merken. Dass man aus Spiritus zur Not auch etwas Hochprozentiges machen kann, sollte man dagegen vielleicht nicht unbedingt nachmachen.
Die Fußballbegeisterung war in diesem Teil Afrikas leider nicht besonders groß. So sah ich viele Spiele allein oder mit ein paar Einheimischen, die eigentlich immer zur scheinbar stärkeren Mannschaft hielten oder zu dem Team mit den meisten Premier-League-Spielern. Nach dem Spiel Deutschland gegen die Türkei sagte mir einer: „Ach weißt du, ich gratuliere dir zum Sieg, weil auch einer von meinen Spielern gewonnen hat.“ Ich fragte: „Du meinst, weil Ballack bei Chelsea spielt?“ – „Ja, die Blauen sind mein Team.“


Landschaftlich hatte die Strecke leider nicht allzu viel zu bieten, meist sah ich Busch, so weit das Auge reichte. Da kam mir auf einem Zeltplatz 200 Kilometer östlich von Livingstone das Treffen mit einer Gruppe Kanadier gerade recht. Die jungen Sportler hatten sich vorgenommen, Afrika joggend von West nach Ost zu durchqueren: Für die 4200 Kilometer von Namibia nach Tansania waren 100 Marathons geplant, 1800 Kilometer hatten sie schon hinter sich. Ich fühlte mich gut, und da ich wegen meines defekten Hinterrads ohnehin keinen Mitfahrer mitnehmen konnte, beschloss ich, es einfach mal andersherum zu machen, und begleitete die drei einen Tag lang. Es war nicht mein bester Marathon, aber ich war schon ein bisschen stolz, ihn aus dem Stand geschafft zu haben – das letzte Mal war ich vor über einem Jahr gelaufen. Am nächsten Tag rächte sich mein Übermut mit einem gewaltigen Muskelkater, der mich einen weiteren Tag auf dem Zeltplatz festhielt.


Mit etwas Verspätung erreichte ich schließlich Livingstone und bewunderte die Victoriafälle. Die Wassermassen lockten mich, und ich gönnte mir eine weitere Abwechslung vom Radfahren: einen Tag Rafting auf dem Sambesi. Weil der Fluss noch sehr viel Wasser führte, waren die über 15 Stromschnellen alle „relativ“ harmlos und wurden ihren Namen wie „Overland Truck Eater“, „The Mother“ oder „Gnashing Jaws of Death“ nicht ganz gerecht. Trotzdem hatte ich riesigen Spaß in den Fluten.


Gestärkt von den Ruhetagen ging es wieder aufs Tandem, Richtung Botswana und Namibia. Gleich hinter Livingstone wurde ich zu einer Pause gezwungen: Vor mir überquerten mehrere Gruppen von insgesamt über 100 Elefanten die Straße. Ich war ziemlich erstaunt, denn ich befand mich in keinem Nationalpark. Später erzählte man mir, dass die Herde manchmal von Botswana über Simbabwe nach Sambia zieht – allerdings nur sehr selten. Aus sicherer Entfernung beobachtete ich die Wanderung und machte mich nach etwa einer Stunde weiter auf den Weg nach Botswana. Mit der Überquerung des Sambesi war ich in einer neuen Welt: Alles war auf einmal geordneter, die Menschen lebten in richtigen Steinhäusern, und in den Supermärkten des Städtchens Kasane gab es alles, was das Herz begehrt – sogar Importwaren aus Südafrika und Europa zu erschwinglichen Preisen. Nur mit Mühe konnte ich mich beherrschen, nicht zu viel zu kaufen.
Der Ort liegt am Rand des Chobe-Nationalparks, und so machte ich am Nachmittag eine kleine Bootstour auf dem Chobe, von der aus ich die Tierwelt im Park bestens beobachten konnte: Elefanten, die im Fluss schwammen, Krokodile, die in der Sonne lagen, einen Löwen, der sich am Ufer ausruhte, und viele weitere Tiere, die zum Trinken an den Fluss kamen. Es war faszinierend, diese Tiere aus solcher Nähe zu sehen. Doch am Abend sollten sie noch näher kommen: Gegen 22 Uhr kamen mehrere Elefanten direkt an den Zeltplatz und fraßen sich keine drei Meter von meinem Zelt entfernt an den Büschen satt. Uns trennte nur ein kleiner Elektrozaun, der wegen eines Stromausfalls aber nicht funktionierte. Ich hielt mich an den Safari-Ratschlag, einfach im Zelt zu bleiben, und schlief trotz des lauten Raschelns bald ein.


Die nächsten 50 Kilometer durch den Park nahmen mich Südafrikaner in ihrem Auto mit – die Strecke selbst zu fahren, wäre wohl zu gefährlich gewesen. In Namibia traf ich auf dem ersten Campingplatz Andi und Thomas, zwei Deutsche, die mit ihrem Landrover auf dem Weg nach Windhoek waren. Sie luden mich ein, mit ihnen zwei Tage lang die Parks am Caprivizipfel zu besuchen. Ich nahm dankend an, denn als Radfahrer kommt man in diese Parks nicht hinein. Wir waren dort fast allein und konnten die Tierwelt am Okavango ungestört beobachten. Nach dieser unerwarteten Pause hieß es wieder aufs Fahrrad. Die 1000 Kilometer bis Windhoek gehörten wohl zu den langweiligsten meiner bisherigen Reise. War ich einmal auf der Hauptstraße, ging es bis zum Abend nur geradeaus – kein Berg, keine Kurve, nichts. Ich fuhr die meiste Zeit mit Kopfhörern, um ein wenig Abwechslung zu haben. In Namibia leben nur zwei Millionen Menschen, und die konzentrieren sich auf die wenigen Städte. Dazwischen sieht man meist keine Menschenseele. Einerseits war es angenehm, ungestört zu fahren, andererseits vermisste ich die fröhlichen Zurufe der Menschen am Straßenrand. Das hier ist ein ganz anderes Afrika. In den letzten Tagen vor Windhoek beschlich mich ein komisches Gefühl: Mir wurde bewusst, dass dies die letzten Tage meiner Reise sein würden, an denen ich allein unterwegs bin. Zwei Wochen lang wird mich Hans begleiten; wir planen eine Rundtour von Windhoek an die Küste und zurück. Danach kommt Steven. Wir sind vor vier Jahren zusammen durch Tibet geradelt, und er wird mich die letzten fünf Wochen bis Kapstadt begleiten.














