Bike Together – Ein Tandemabenteuer

Zwischen Ägypten und dem Sudan gibt es nur einen Grenzübergang. Er liegt irgendwo auf dem Nasser-Stausee zwischen Assuan und Wadi Halfa und ist nur mit dem Schiff zu erreichen, das einmal pro Woche fährt. Einige Tage vor der Abfahrt kam ich in Assuan an. Ich wollte sofort ein Ticket kaufen, doch man gab mir zu verstehen, dass das nächste Schiff ausgebucht sei. Jeden weiteren Tag besuchte ich nun Mr. Sahla in seinem Büro und hoffte auf neue Tickets. Doch es tat sich nicht viel, und der meist schlecht gelaunte Sahla sagte immer nur: „Next week!“ So lange wollte ich aber nicht warten.

Inzwischen hatte ich in Assuan zwei weitere Radfahrer getroffen, die ebenfalls nach Kapstadt wollten: Werner aus der Nähe von Würzburg, seit Kurzem pensioniert, und Rudi, ein Slowake, der aus Angst, ein weiteres Mal durchs Examen zu fallen, lieber in die weite Welt geflüchtet war. Werner gehörte zu den glücklichen Ticketbesitzern, Rudi erging es wie mir. Wir beide nahmen uns vor, keine Chance auszulassen, und wollten es am Abfahrtstag direkt am Hafen versuchen.

Foto aus SudanFoto aus Sudan

Früh am Morgen belud ich mein Fahrrad, fuhr zum Bahnhof, wo ich mich mit den anderen Radfahrern verabredet hatte, und wir nahmen den Zug zum Hafen. Schon hier war zu erkennen, wer alles in den Sudan reisen wollte und was unbedingt mitmusste: Ventilatoren, Tabletts, Fernseher, Kühlschränke … All das wurde in den Zug geladen. Nach einer halben Stunde erreichten wir das Hafengelände – übervoll mit Menschen, schwer beladenen Autos und Lastwagen. Vor ein paar kleinen Häuschen hatten sich bereits Schlangen gebildet. War eine davon für übrig gebliebene Tickets? Rudi und ich klapperten alle ab, stellten uns jeweils ein bisschen an, drängelten uns vor und versuchten, schlau zu werden. Nach einiger Zeit hatten wir die richtige Schlange gefunden – mit dem Ergebnis, dass es Tickets, wenn überhaupt, erst in fünf Stunden geben würde, also um 14 Uhr.

Es war klug, in der Nähe des Tickethäuschens zu bleiben, damit die anderen Wartenden einen wahrnahmen und man später bessere Chancen hatte. Etwa 20 weitere Männer hofften auf ein Ticket. Sobald sich im Inneren des Häuschens auch nur das Geringste tat, sprangen alle auf und drängten zum Schalter. Nach ein paar Minuten beruhigten sich alle wieder, und das Spiel begann von vorn. Während des Wartens unterhielten wir uns ein wenig, und jeder hatte einen noch dringenderen Grund, warum gerade er unbedingt aufs Boot musste: Da war der Verliebte, der mit den kranken Kindern, der Geschäftsmann …

Nach einiger Zeit munterte ich die Menge etwas auf und bot kleine Rundfahrten mit dem Tandem an. Dankbar nahm man das Angebot an, und die Wartezeit verging schneller – denn aus den fünf Stunden wurden schließlich acht. Um 17 Uhr trat Mr. Sahla vor die Menge und verkündete: „Jeder bekommt ein Ticket – wenn nicht für heute, dann für nächste Woche!“ Was genau er damit meinte, wussten wir nicht. Doch dann tat sich etwas am Schalter, und alle Wartenden bekamen ihre Tickets. Jetzt musste es schnell gehen, die Fähre sollte in wenigen Minuten ablegen. Aber schnell ist in Afrika etwas Unmögliches. Mindestens viermal wurde unser Pass kontrolliert, ob wirklich ein Visum für den Sudan darin war. Ein paar Formulare mussten noch ausgefüllt, für das Fahrrad noch etwas Geld bezahlt und noch einmal in den Pass geschaut werden – es könnte sich ja etwas verändert haben.

Foto aus SudanFoto aus Sudan

Als wir endlich am Schiff ankamen, war es übervoll. Das ganze Schiff schien von einer wilden Meute belagert, die versuchte, ihre Beute aus Ägypten in den Sudan zu schaffen. Männer rannten umher, Träger schleppten noch das 24-teilige Topfset aus China an Bord und stellten es mitten im Gang neben den Plastikweihnachtsbäumen ab.

Im Eingangsbereich entdeckte ich Werners Fahrrad, mit all seinen Taschen an die gegenüberliegende Eingangstür gelehnt. Wir stellten unsere Sachen daneben ab und suchten uns einen Platz für die 18-stündige Überfahrt. Auf dem Oberdeck fand ich schließlich Werner, der sich unter dem Rettungsboot einen Platz ergattert hatte. Neben ihm lag Ando Scholz – Fans von Rüdiger Nehberg kennen ihn vielleicht. Er hat mit Nehberg den Blauen Nil befahren; der dritte Mann, Michael Teichmann, kam damals bei einem Überfall ums Leben. Darüber hinaus hat er noch einige andere Abenteuer bestanden. Bei den beiden fand ich noch ein kleines Plätzchen und verbrachte dort eine recht gute Nacht. Das Chaos auf und in dem Schiff ist wirklich schwer zu beschreiben: In den Gängen lagen Menschen, auf den Treppen saßen sie, und der übrige Platz war mit Kisten, Koffern und Kartons vollgestellt.

Das Schiff in den Sudan für 550 PersonenFoto aus Sudan

Bei Sonnenaufgang fuhren wir an Abu Simbel vorbei, das bereits von Touristen in Beschlag genommen war. Von hier dauerte es nur noch wenige Stunden bis Wadi Halfa. Bevor wir das Schiff verlassen durften, fragte uns die Polizei noch, was wir im Sudan vorhätten und welche Adresse wir dort hätten. Jeder nannte eine auswendig gelernte Hoteladresse in Khartoum, und die Polizisten waren zufrieden. Wir Radreisenden durften als Erste von Bord. Ich betrat das elfte Land meiner Reise.

Foto aus SudanFoto aus Sudan

Fotos aus Sudan

Das Schiff in den Sudan für 550 PersonenAuf dem Nasser SeeWadi HalfaDie Touristen beobachten den Ort Wadi HalfaMit Rudi und Werner fahre ich zusammen durch die Nubische WüsteHier gehts langAbfahrt mit Blick auf den Nasser SeeStoerche in der WüsteMittagspauseVon 400 km waren nur 32 km asphaltiertRauhe Piste überwiegteDas gehasste Waschbrett

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