Bike Together – Ein Tandemabenteuer

Vom Hafen waren es etwa zwei Kilometer bis in den Ort Wadi Halfa. Durch den Nil-Stausee ist das alte Wadi Halfa in den Fluten versunken. In sicherer Höhe ist ein neuer Ort entstanden, der den Eindruck macht, nur von den wöchentlich Durchreisenden zu leben. Man kommt sich ein bisschen vor wie im Wilden Westen: ein großer Bahnhof mitten in der Wüste, und ein paar Hundert Meter weiter ein paar Häuser an einer gedachten Straße. Für uns heißt es zuerst, das Registrierungsbüro aufzusuchen und die erste sudanesische Bürokratie zu erleben. Von einem Büro werden wir ins nächste geschickt, bekommen Formulare, müssen Passbilder abgeben und den Pass kopieren, und irgendwann dürfen wir ins Büro des Chefs. Dort steht ein großer Fernseher, auf dem er per Satellit einen Pay-TV-Kanal schaut. Wenn das Programm es erlaubt und sein Handy nicht klingelt, widmet er sich uns und füllt einen Interviewbogen aus. Danach nimmt uns im nächsten Büro ein Beamter 27 US-Dollar ab und klebt genüsslich zehn Briefmarken auf den Bogen, die er vorher mit der Zunge befeuchtet. Im nächsten Büro wollen gleich zwei Beamte 8 US-Dollar und drücken dafür einen weiteren Stempel in den Pass. Dann werden wir noch einmal zum Chef geschickt. Mittlerweile schaut er sich die Premier-League-Spiele vom letzten Wochenende an. Die schönen Briefmarken streicht er zufrieden durch und unterschreibt auf dem Stempel im Pass. Jetzt will er wieder seine Ruhe haben und schickt uns mit einem „Finish!“ hinaus. Heute hat er genug gearbeitet, um sich sein schönes Büro zu finanzieren. Nach nur zwei Stunden haben wir es geschafft und sind im Sudan registriert.

Wadi HalfaMittagspause

Das Hotel gehört eher zur einfachen Kategorie – eine Wahl hat man allerdings nicht, es gibt nur diese. Nach einer kurzen Besichtigung der Zimmer beschließen wir, die Betten draußen im Freien zu nehmen. Da haben wir wenigstens frische Luft, und Regen ist für die nächsten Jahre ohnehin nicht angesagt.

Am nächsten Tag brechen wir mit der aufgehenden Sonne auf, durch die Nubische Wüste in Richtung Dongola. Die Taschen sind prall gefüllt mit 13 Litern Wasser und Essen für die nächsten Tage. Wir wissen nicht so recht, was uns erwartet. Im Internet haben wir ein Roadbook für diese Strecke gefunden, in dem genau steht, wo wir wieder Wasser bekommen. Über den Zustand der Piste steht dort nur „very bad“ und „sandy“.

Am ersten Tag ist die Piste noch erstaunlich gut, zwischendurch gibt es sogar ein paar asphaltierte Abschnitte einer Neubaustrecke. Die Piste schlängelt sich abseits des Nils durch eine kleine Berglandschaft. Immer wieder haben wir tolle Ausblicke und können die Wüste in vollen Zügen genießen. Am zweiten Tag vergeht uns die Freude über die gute Piste. Hier erleben wir, in welchem Zustand Pisten sein können. Am anstrengendsten sind die sandigen Abschnitte, in denen man das Fahrrad mit aller Kraft im Zeitlupentempo durch den tiefen, weichen Sand wuchtet. Zum Glück sind diese Schiebestücke relativ kurz, und dazwischen gibt es „Waschbrett“, auf dem man meist mit weniger als 10 km/h wenigstens dahinholpern kann. Diese Wellen entstehen durch die Stoßdämpfer der Fahrzeuge, und der Unterschied zwischen Berg und Tal kann schon mal mehr als zehn Zentimeter betragen. Aber die Landschaft entschädigt für alles: schwarze Basaltberge, weißer Sand und hier und da ein kleiner Baum, der etwas von dem spärlichen Wasser im Boden ergattert hat.

Foto aus SudanFoto aus Sudan

Nach etwa 100 Kilometern erreichen wir die erste Oase und werden von den Sudanesen freundlich empfangen. Zu essen gibt es Ful und Adas. Ful ist ein Bohnenbrei, den man mit Brot isst, und Adas eine Art Linsensuppe, in der altes Brot aufgeweicht wird – ebenfalls mit Brot gegessen. Das ist unser Lieblingsfrühstück geworden. Dazu gibt es Tee und kalte Pepsi aus der Gefriertruhe. Hier können wir auch unsere Wasservorräte auffüllen. In großen Tonkrügen finden wir eine trübe Brühe. Andere Radfahrer hatten geschrieben, die graubraune Flüssigkeit sei aufbereitet und trinkbar. Wir fragen trotzdem nach, und die Antwort kommt prompt und direkt: „River!“ Mein Vater hatte mich noch gewarnt: „Dass du mir ja nicht im Nil schwimmst!“ – „Nein, Papa, ganz bestimmt nicht, ich trinke das Wasser nur!“ Sicherheitshalber geben wir Micropur dazu und füllen so unsere Flaschen auf. Mit der Zeit erkennen wir feine Unterschiede in der Wasserqualität. Es gibt drei Stufen: „Lemon-Juice“, „Mango-Juice“ und „Kakao“. Vom Kakao lassen wir die Finger und benutzen ihn nicht einmal zum Waschen – wir wollen ja sauberer werden.

Nachts zelten wir in der Wüste und genießen die Einsamkeit und die Ruhe. Nur ein paar Meter neben der Piste schlagen wir unsere Zelte auf, werfen den Kocher an, und es gibt Tee und Nudelsuppe.

Links Mangosaft rechts Nilwasser unser TrinkwasserFoto aus Sudan

Je weiter wir nach Süden kommen, desto dichter wird die Besiedlung und desto mehr Verkehr gibt es. Dafür wird die Piste immer besser und ist ab Dongola bis Khartoum schließlich asphaltiert. Mit dem immer noch kräftigen Nordwind, der mir seit Kairo treu ist, kommen wir gut voran und fahren ohne große Anstrengung jeden Tag über 150 Kilometer bis nach Khartoum.

In Khartoum folge ich der Einladung in den Deutschen Club und genieße den Pool und den Garten. Auch wenn ich in den ersten Tagen nicht viel davon habe, weil ich von früh bis nachmittags auf den Botschaften meiner nächsten Reiseländer verbringe, ist es schön, abends in Ruhe im Garten zu sitzen.

Wie meine weitere Route genau aussieht, kann ich noch nicht sagen. In den nächsten Wochen wird sich zeigen, ob ich ein passendes Schiff in den Jemen finde. Aber wie sagt man hier so schön: „Inschallah!“

Foto aus SudanFoto aus Sudan

Fotos aus Sudan

Das Schiff in den Sudan für 550 PersonenAuf dem Nasser SeeWadi HalfaDie Touristen beobachten den Ort Wadi HalfaMit Rudi und Werner fahre ich zusammen durch die Nubische WüsteHier gehts langAbfahrt mit Blick auf den Nasser SeeStoerche in der WüsteMittagspauseVon 400 km waren nur 32 km asphaltiertRauhe Piste überwiegteDas gehasste Waschbrett

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