Nach fünf Tagen in Khartoum hatte ich das Nötigste beisammen: ein Visum für den Jemen und eines für Äthiopien. Ein Transitvisum für Saudi-Arabien scheiterte an den willkürlichen Öffnungszeiten. Nach drei Tagen sinnlosen Wartens vor einer verschlossenen Tür, die sich alle zwei bis vier Stunden nur kurz öffnete, damit ein Mann den Wartenden mitteilen konnte: „Heute kein Visum! Kommt morgen wieder!“, gab ich auf und brach nach Port Sudan auf, um dort mein Glück zu versuchen und ein Schiff in den Jemen zu finden.
Der Weg führte mich am Nil entlang nach Norden. Das klingt idyllisch, war es aber nicht. Vom Fluss war nichts zu sehen, und von der übrigen flachen Landschaft hatte ich bald genug. Dazu kam ein starker Wind, der mir nun nicht mehr wie in den letzten Wochen im Rücken lag, sondern von vorn entgegenblies. Selten schaffte ich mehr als 15 Kilometer pro Stunde, und so kam mir die Landschaft noch trostloser vor. Erst am Ende des ersten Tages tauchten ein paar Berge auf, die für etwas Abwechslung sorgten. Am Abend des zweiten Tages erreichte ich die Pyramiden von Meroe – kleinere links und größere rechts der Straße. Ich beschloss, mir die kleineren noch am Abend anzusehen und daneben zu übernachten. Zuerst war niemand in der Nähe, doch nachdem ich etwa fünf Minuten dagestanden und die Pyramiden bewundert hatte, kamen aus dem Nichts zahlreiche Kinder mit Souvenirs angerannt. Auch ein Kamel wurde aufgetrieben, um mir den Abend mit einem Ritt zu versüßen. Ich machte ihnen klar, dass ich nach einem langen Tag auf dem Rad keine Lust hatte, mich auch noch auf einem Kamelrücken durchschaukeln zu lassen, zeigte auf meine Taschen und meinte nur, die seien schon voll. Ganz umsonst waren sie aber nicht gekommen: Es gab ja noch das Fahrrad zu bestaunen, um das sie sich kurzerhand im Kreis setzten. Ich ließ das Tandem bei meinen Bewachern und sah mir die Pyramiden an. Anschließend baute ich vor großem Publikum mein Zelt auf und kochte meine Nudelsuppe.


Ungestört verbrachte ich die Nacht direkt neben den Pyramiden. Kurz nach Sonnenaufgang machte ich mich auf den Weg zu den größeren. Auch dorthin führt nur eine kleine, sandige Piste. Am Eingang begrüßten mich ein paar Männer, die mir an ihren Ständen Souvenirs verkaufen wollten. Ein weiterer wollte Eintritt kassieren. Ich machte ihm klar, dass ich nur zahle, wenn ich auch ein Ticket bekomme. Er meinte, ja, das bekäme ich in fünf Minuten. Warten wollte ich nicht, also machte ich mich schon mal ohne Ticket auf den Weg und bewunderte die Grabbaukunst aus dem 5. Jahrhundert vor Christus. Die Pyramiden sind vielleicht zehn bis zwanzig Meter hoch und stehen auf einem Hügel, den der Sand inzwischen eingenommen hat. Sie sind deutlich steiler als die Pyramiden von Gizeh. Ich genoss den Anblick und machte mich auf den Rückweg. Am Tor war niemand mehr zu sehen. Ich nutzte die Gelegenheit und fuhr ohne Ticket so schnell wie möglich weiter. Ein schlechtes Gewissen hatte ich nicht, denn die Regierung hatte schon genug Geld für Permits, Registrierung und Visum von mir bekommen.


Von Atbara aus nahm ich einen Bus nach Port Sudan. Die Familienkutsche fuhr im Stadtzentrum ab und wurde innen und außen mit allem erdenklichen Kram beladen. Am Ende saßen in jeder Reihe sechs Personen. Um eine Mautstation zu umgehen, fuhren wir die ersten 20 Kilometer nicht auf der neuen Straße, sondern auf einer schlechten Piste. Nach ein paar Stunden wurde fürs leibliche Wohl gesorgt: Ein Eimer mit kaltem Wasser und eine Tasse gingen durch die Reihen. Den Schwarzen Peter hatte immer der, der gerade den Eimer hielt, wenn wir durch ein großes Schlagloch fuhren. Aus den angekündigten sechs Stunden wurden elf, und so erreichten wir Port Sudan erst gegen zwei Uhr nachts. Ich baute mein Fahrrad wieder zusammen und fuhr die etwa sechs Kilometer in die Stadt. Immer wieder griffen mich einzelne Hunde an und weckten dabei die Sudanesen, die an der Straße schliefen. Da es mit Hotels auch nicht gut aussah, beschloss ich, die Nacht ebenfalls an der Straße zu verbringen. Ich fragte zwei Wachleute, die irgendein Büro bewachten, ob ich neben ihnen auf dem Gehweg schlafen dürfe. Sie hatten nichts dagegen, und so holte ich Isomatte und Schlafsack heraus und schlief die restlichen Stunden. Am nächsten Morgen merkte ich, dass ich mitten in der Stadt an der zentralen Marktstraße übernachtet hatte.


Bei Tageslicht war die Hotelsuche etwas einfacher, trotzdem brauchte ich über eine Stunde, bis ich eine halbwegs bezahlbare Absteige gefunden hatte. Der Sudan ist ein teures Pflaster: Unterkünfte, die in Ägypten noch wenige Dollar gekostet hatten, kosten hier schnell 50 bis über 100 Dollar. Man kann sich vorstellen, was für Absteigen man für 10 Dollar bekommt.
Den ganzen Tag fragte ich in den Büros der Reedereien nach einem Schiff in den Jemen. Am Abend schien die Suche völlig aussichtslos. Niemand machte mir Hoffnung, also buchte ich noch am Abend im Internet einen Flug von Khartoum in den Jemen. Schnell wollte ich noch ein Busticket für den nächsten Tag kaufen, doch aus dem „schnell“ wurde nichts. Nach langem Hin und Her machte man mir klar, dass ich ein Ticket nur mit einem Permit, also einer Reiseerlaubnis, kaufen könne. Das Permit würde ich am nächsten Tag gegen 10 Uhr bekommen, die Busse fuhren aber schon um 5:30 Uhr. Alle meine Kontakte – auch zu einem Polizeichef in Khartoum – halfen nichts, ich musste einen Tag länger warten.
Am nächsten Morgen war der Hotelbesitzer so nett, mit mir zur Polizei zu gehen. Alleine wäre es unmöglich gewesen, die einzelnen Büros zu finden.
Beim Einwanderungsbüro begann die Schnitzeljagd „Permit“:
Im ersten Büro bekam ich ein Formular mit dem Auftrag, es zu kopieren und auszufüllen. Außerdem sollte ich die drei schönsten Stempel der Stadt finden, Briefmarken im Wert von 50 Dollar aufkleben und jeden einzelnen Schritt von einem Beamten mit mindestens drei Sternen auf der Schulter mit verschiedenfarbigen Kugelschreibern beglaubigen lassen. Am Ende noch zwei Passbilder anheften und innerhalb der Öffnungszeiten zurückkommen. Drei Stunden später und um weitere 15 Dollar ärmer, die für Rikschafahrten draufgegangen waren, kehrte ich ins Büro zurück und erhielt meinen wohlverdienten Preis: ein Reise-Permit nach Khartoum. Jetzt konnte ich auch ein Busticket kaufen und am nächsten Morgen den Bus nach Khartoum nehmen.
In der Nacht erreichte ich die Hauptstadt und verließ den Sudan in aller Frühe mit dem Flugzeug in Richtung Jemen. Vorher musste ich selbstverständlich noch einmal ein paar Dollar bezahlen, um das Land verlassen zu dürfen.
Der Sudan ist kein einfaches Reiseland, vor allem die Bürokratie macht es Reisenden schwer. Man sollte auch bedenken, dass in mindestens zwei Landesteilen gerade Krieg herrscht. Teuer ist das Land obendrein. Trotzdem war es eine interessante Erfahrung, im größten Land Afrikas Fahrrad zu fahren. Die Menschen im Norden sind überaus freundlich, hilfsbereit und nicht aufdringlich. Dennoch war ich innerlich froh, das Land früher als geplant zu verlassen.














